Mit Sharan hin, mit Passat zurück

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Es war eine kurze Nacht, wir essen schweigend wie immer zu viert Frühstück, drei von uns frisch gebackene Brötchen bzw. Brotscheiben, der Vierte lässt sich den Strom aus der Bordsteckdose schmecken und wärmt uns. Kurz vor sieben ermöglicht die Dämmerung einen weiten Blick. Wir legen so dick angezogen wie auf der Skipiste ab. Bei leichtem Seitenwind langsam die luvseitige Vorleine fierend und Heckleine dichtholend schlängeln wir uns durch das Dalbennadelöhr. Es geht durch die enge Hafeneinfahrt mit einer ordentlichen Kurve, die durch mehrere bunt bemalte Dalben (der erfahrene Leser kennt die Farben für rechts und links) gekennzeichnet ist. Die See ist durch die Landabdeckung noch relativ glatt, eine reichliche Stunde später frischt der Wind aus Nord bis Nordost auf. Dank der am Abend aufgezogenen Genua geht es mit knapp 6 Knoten zunächst raumschots Richtung Heimat. Nachdem der Wind weiter dreht fahren wir Platt vor Laken mit ausgebaumter Genua, kein ganz leichtes Unterfangen. Ich tanze zunächst angeleint mit dem Riesenzahnstocher auf dem Vorschiff, um das Schothorn einzuhaken und komme mir vor, wie eine Ballerina auf den Parkett. Leider ist meine Haltestange sehr wacklig und einen Spiegel habe ich auch nicht. Die rettende Idee ist das Wegrollen der Genua. Spibaum am Mast aushaken, angeschlagene Luvschot in Ruhe einpicken und dann den Baum wieder im Mast arretieren. Alles ganz einfach und stressarm, wenn man(n) darauf kommt. Wer hätte das gedacht, die Hinfahrt war dank des vom Kommodore geliehenen Sharans sehr komfortabel, die Power für der Rückreise der Herkules übers Wasser kommt vom Ostseepassat. Wir können direkt auf Lohme Kurs anlegen. Das Steuern verlangt auf diesem Kurs natürlich besondere Aufmerksamkeit, wir wechseln uns stündlich ab. Dadurch ist auch Gelegenheit zum Aufwärmen unter der Sprayhood oder unter Deck. Leider hat der Eigner an der Länge des Landstromkabels gespart, sodass unser vierter Mann schon seit Stunden leblos in der Kabine rumhängt. Die Sonne kommt raus und wärmt uns wenigstens ein bisschen. Gegen Mittag ist Rasmus zu huldigen, er meint es schon die ganze Zeit sehr gut mit uns. Wir sind die ganze Strecke gesegelt. Es sind bisher nur knapp 3 Motorstunden durch Ein- und Ausfahren in die Häfen zusammengekommen. Da freut sich das Seglerherz. Beim Durchblättern des Ostsee-Rund Logbuchs ist festzustellen, dass nicht alle Crews von Rasmus so verwöhnt wurden. Die Mittagshitze ist Teilen der Crew in den Kopf gestiegen. Es wird gemeutert und gefordert, doch gleich noch bis Hiddensee durchzufahren. Um Opfer unter der Besatzung aber vor allem unter der Schiffsführung der Herkules zu vermeiden, wird basisdemokratisch im kleinen Stuhlkreis beschlossen, Glowe anzulaufen und den Sonnenuntergang dort zu genießen. Wenn ich in der Ausrüstungsliste des Schiffes Einträge wie Skipperrevolver oder –dreizack gefunden hätte, wäre die handfeste Meinungsverschiedenheit brutal beendet worden. Es herrscht ja schließlich noch internationales Seerecht, aber es stehen eben auch zwei Vollmatrosen gegen einen untersetzten Skipper, da hilft nur psychologische Kriegsführung. Rechtzeitig vor Einlaufen in deutsches Hoheitsgebiet werden die Gastlandflaggen nochmals gewaschen, gebügelt, gefönt und natürlich alphabethisch sortiert. Dann kann die kleine Bastelstunde an der Steuerbordsaling auf Raumschotkurs der Herkules bei 6-7 kn Fahrt beginnen. Alle Flaggen der Länder, die die gute Herkules besucht hat, wehen bald stolz im Gegenlicht. Das deutsche Funknetz hat uns auch wieder, ein Anruf gilt der lieben Frau und der andere dem Atze. Dieser im alltäglichen Arbeitsstress verhaftet erwidert die Euphorie über das Einlaufen in deutsche Hoheitsgewässer mit einem schnöden „…, ja schön, ich hab jetzt grad was anderes im Kopf …“. Die Sonne und das glitzernde Meer mit dem Anblick des Hochufers von Lohme bis Arkona macht den Dämpfer wieder wett. Die Ansteuerung von Glowe erfolgt problemlos, das Anlegemanöver mit leichtem Seitenwind und wir sind fest in Deutschland. Der Hafenmeister, wenigstens kein Automat, hat schon Feierabend, gibt aber telefonisch den Duschzugangscode durch. Es gibt noch einen kurzen Schauer und danach Sonnenuntergang mit rötlichen Wolkenformationen. Das Abendessen mit Knoblauchknolle wärmt und tut nach so einem langen Seetag gut. Morgen geht’s nach Gager, dem Vorgarten der Herkules.

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1 Kommentar

  1. Liebe Utzcrew, natürlich weiß ich Eure Leistung und Freude zu würdigen und nachzuvollziehen! Die Wiedergabe unseres Telefonates trifft zwar nicht den Wortlaut, aber der Inhalt ist den Tatsachen entsprechend beschrieben. Doch ich habe Euch dann später noch die notwendige Aufmerksamkeit angedeihen lassen. Mit großer Anerkennung und Freude nehme ich zur Kenntnis, dass die Kapitel zur Flaggenführung studiert wurden und das erworbene Wissen Anwendung findet. Sieht guuuut aus! Ab morgen sollte Herkules den Weg in den heimischen Stall alleine finden. Wir freuen uns auf Euch! LG Atze
    PS: Auch auf der Freikerl bullert mein brubbeliger Kumpan bei sieben Grad Außentemperatur, so dass im T-Shirt sitzen kann. A.

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