Alltag im Paradies

Buccoo Steelband Sonntagabend ist hier die Hölle losimageimageimageimage

imageimageAlltag im Paradies
Was macht man, wenn man alles hat? Ins Nirwana aufsteigen? Oder nach Buccoo fahren? Hier gibt es naemlich nie alles aber immer genug: Es gibt drei grosse Kokospalmen, die aus dem Schatten des Strandhains herausragen. An der zweiten verknote ich die Haengematte, die ich seit Beginn der Reise hier zum ersten Mal aufhaenge – das aber seit ich in Buccoo bin jeden Tag mache. Es weht ein laues Lueftchen, hin und wieder kommt eine kraeftige Brise, der Passat. Fehlt der Wind, dann kribbelt die Haut: Winzige schwarze Punkte sind dafuer verantwortlich, die Sandflys, das sind Blutsauger. Ihre Bisse jucken und sehen noch nach einem Tag haesslich aus, aber sie sind nur laestig, nicht gefaehrlich. Citronella-Creme hilft, die Sandfliegen fern zu halten. Und baden kann man ja auch noch: Max. 28 Grad Wassertemperatur, fuer die Jahreszeit zu kalt, sagen alle. Dabei habe ich erst ein einziges Mal beim Baden gefroren und da war ich Schnorcheln und es hat geregnet. An Land friere ich nie – selbst Nachts kann, nein, muss man nackt schlafen, weil es erst kurz vor Sonnenaufgang etwas kuehler wird und ein duennes Laken als Bettdecke dann auch ausreicht. Bis halb zehn braucht die Sonne, um wieder richtig los zu brennen, zwischen 12 und 2pm meide ich es, eine Strasse entlang zu gehen, es ist dann unertraeglich heiss und ohne einen Schattenplatz kaum zum aushalten. Dafuergibt es den Pool, die Bucht von Buccoo, der groesste Pool, in dem ich je gebadet habe. Ganz sanft faellt der Sandstrand ab, sanft swird es immer tiefer, eine kleine Welle plaetschert gegen mein Waschbrett, der Boden bleibt sandig, es wird langsam kuehler und schliesslich liege ich einfach nur im Wasser rum, plansche mit den Fuessen und staune ueber diesen Riesenpool, in den sich auch eine Dreiergruppe Pelikan hineinstuerzt. Das wasser ist trueb vom feinen Sand und der Korallenbleiche. Am Strand liegen leider viele Korallen, die in Kunststoffschnuere verwickelt sind – vom Angeln, vom Ankern, verlorengegangene Leinen, die toedlich fuer die Unterwasserwelt sind. Sonst ist der Strand supersauber: Regierungsangestellte fegen ihn (kein Witz!) jeden zweiten Morgen. Die Buccoo Bayist ein pool, weil es keine fiese Unterstroemung gibt, wie so oft in Paradiesnaehe. Mich hat es einmal in solch einer Bucht herausgetrieben (Kolumbien) und ich hatte Todesangst, keinen Boden mehr unter den Fuessen und eine Stroemung, gegen die anschwimmen nur Kraftverschwendung ist. Habe es dann geschafft, aus der Hauptstroemung an die Seite zu schwimmen und dann auf einer Sandbank Fuss zu fassen. Auch hier gibt es warme und kalte Stroemungen, kleine und ganz kleine Wellen, alles schwappt einfach nur. Wie in einem Pool. Eines Tages gehe ich zum Aufwachen hinunter an den Strand und lege mich aufs Wasser. Es ist so salzig, dass ich obenauf schwimme, ohne einen Schlag zu tun. Da sehe ich, wie acht Pferde mit acht Frauen auf dem Ruecken langsam durchs Wasser auf mich zu kommen. Den Pferden steht das Wasser bis zum Bauch, den Reiterinnen bis an die Knoechel. Natuerlich bleibt die Gruppe genau da stehen wo ich bade. Sie bilden einen Kreis, drinnen ein Maedchen mit ihrem Pferd. Sie soll sich hinstellen, auf den Sattel, die Zuegel nicht loslassen, sagt eine blondmaehnige Pferdefuehrerin und ihr schwarzer Partner. Das Maedchen stellt sich hin, wenn sie faellt, dann ins warme Wasser. SEE, you must trust in yourself, ruft der schwarze Assistent dem Maedchen zu. Das strahlt, setzt sich wieder und die gruppe Reitet langsam davon, ohne auch nur eine Sekunde Notiz von mir genommen zu haben.
Kulturell hat Buccoo etwas ganz besonderes zu bieten: Die Buccoo-Reef-Steelband. Das groesste Instrument besteht aus acht kompletten Tonnen. Sechs stehen, zwei haengen, mittendrin ein Trommler. Der Sound ist sehr tief, ganz anders als der, des kleinsten Instruments, mit dem typischen Steeldrum-Sound: das sind nur zwei kleine Tonnenboeden mit Notenfeldern. Zur Zeit wird jeden Abend geuebt, es ist nur ein kleiner Abendspaziergang bis zum Platz wo geprobt wird. Dann gibt es noch die Sunday School, jeden Sonntagabend. Schon am Nachmittag liegt was in der Luft: Direkt vor der Huette, bei Captain Sands Bar, sammeln sich die Locals, Touristen streifen durch die Strassen, hier und da wird ein Verkaufsstand aufgebaut. Ich geh rueber zu Captain Sands, hole mir ein 225 ml STAG-Bier und nehme via WiFi Kontakt mit Leipzig auf. Es hat keinen Schnee gegeben und der Februar geht seinem Ende entgegen (23.02.2014). Irgendjemand spricht in der bar mit mir, aber ich sehe niemanden. Ich drehe mich um und da schauen zwei dunkle Riesenaugen durch einen Schlitz in der Mauer. Come on, join us liming, sagt ein Maedchen. So lerne ich Sofia und Nonameboy kennen, beide sind 28 jahre alt. Sofia ruft einem sechsjaehrigen Maedchen auf der Strasse zu: I have seen your tits, I see them1 Verschaemt rafft das Kind sein Kindershirt zusammen, blickt runter auf den Asphalt und geht schnellen Schrittes davon. Alle auf der Strasse lachen jetzt ueber das arme Maedchen. Sofia verspricht mir den heissesten Sex meines Lebens, natuerlich mit ihr. Nonameboy bietet gleich einen Potenzdrink an. When I want to have Sex, I have Sex, sagt Sofia. Ich glaube ihr. Sie gibt sich wie eine Piratenbraut aus einem Hollywoodschinken: Eine grosse, breite Narbe zieht sich ueber ihre linke Wange, die falschen Wimpern loesen sich von beiden Seiten, Sofia lacht dreckig, schreit mehr als sie spricht und will sich unvergesslich machen: Am Abend, bei der Sunday School, da will sie mit mir winnen, winning machen. Dann muss sie los, zum Shoe-Shopping in den Flee-Market. Nonameboy zeigt mir auf seinem Sartphone ein paar Youtube-Videos von Soca-Bands aus Trinidad.
Die naechsten 225 ml trinke ich in meiner Huette. Da sitzen noch Isaw, Roy und Samuel. Samuel ist Calypso-Saenger und arbeitet in NY beim Symphonyorchester. Natuerlich spielt Captain Sands in seiner Bar auch Calypso und der 67-jaehrige Samuel wiegt sich neben mir auf dem Sofa. When you feel this, its Calypso. Samuel ist auch Baseball-Fan – jede Spielbewegung macht er nach, er schlaegt den Ball, er faengt ihn, er laeuft, er wirft den Ball, voll Begeisterung und wild gestikulierend erleben wir so ein komplettes Spiel. Roy hingegen ist Jaeger, er hat sieben Hunde und er spielt nach, wie so eine Jagd ablaeuft: Er klaefft, wie die Hunde, zischt wie eine Schlange oder zittert wie ein Kaninchen in seinem Bau. Bin erstaunt, dass die Menschen hier mehr erzaehlen als Hi und How are you. Jedenfalls habe ich den groessten Spass, den ich bisher beim liming hatte und uns allen tut der bauch vom Lachen weh. Um halb sieben wird es schummrig, Candy kommt und oeffnet ihren Shop, Anthonys Boathouse, und aus allen Richtungen stroemen weisse zur Sunday School: Das ist eine Terasse und ein kleiner Tanzsaal, nur am Sonntagabend geoeffnet. Hier treffen sich weiss und schwarz. Alle sind schick angezogen, die weissen Frauen im kleinen Schwarzen oder nur ein Hauch von Nichts und damit passen sie sich an die oertlichen Gepflogenheiten an – mindestens hauteng, kann ruhig auch mal schnueren, so der Modetrend Fruehling 2014 auf Tobago.
Neben mir geht eine kleine, sehr dicke Frau, einen Schritt vor, sie beugt sich, stemmt ihre Haende in die Hueften und schuettelt ihren gigantischen Po in meine Richtung. Mit verdrehten Augen schaut sie mich an, sagt etwas unverstaendliches und wackelt nochmal wie verrueckt mit ihrem ausgepraegten Sitzfleisch. Eine Einladung zum winning, ein ganz normaler sozialer Vorgang, denn hier winnt jeder mit jedem, aber am dollsten treiben es die ganz dicken Frauen. Hinter ihnen steht ein Mann und reibt seinen Hosenlatz am angebotenen Hintern. Auch die weissen frauen finden daran Gefallen, jede zweite knutscht nach einer halben Stunde ihren Blackman – direkt auf der Tanzflaeche oder am Maschendrahtzaun vorm Hafenbecken. Das Grossartigste an diesem Abend: Kein Stress, keine groehlenden Junkies, alles superfriedlich – nur sehr laut. Meine Huette ist ein einziger Resonanzkoerper, innen lauter als aussen, aber um vier Uhr Morgens ist dann Ruhe. Deswegen ist Montags in Buccoo auch Frisoesentag: Alles hat zu.

3 Kommentare

  1. Hallo Holger, es macht uns in unserem immerwährendem Alltag riesig Spaß Deine An­ek­döt­chen zu lesen. Wir hüpfen nicht nur in Gedanken zusammen mit Dir in das “ nur 28°C “ kalte Wasser, sondern sehen auch vor unserem geistigen Auge das ausgeprägte Sitzfleisch der ein oder anderen karibischen Schönheit.
    Wir wünschen Dir noch viel Entspannung und komm uns heil zurück!

    Liebe Grüße Katleen&Renè

  2. Hallo Holger,
    Dein „Alltag“ ist wirklich spannend. Gern wäre ich mit Dir unterwegs. Freue mich auf weitere Berichte. Gruß Pa

    Weiterhin eine schöne Zeit im Paradies wünscht Dir Helga

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