In Shorts zu den Bermudas

Es wäre gelogen, wenn wir behaupten würden, dass wir nicht aufgeregt gewesen wären. Seit 2 Wochen beobachteten wir die Wetterentwicklung auf dem Nordatlantik. Ein Tief nach dem anderen zieht durch, bringt starken Wind und Regen. Die Squalls machen den Seglern das Leben schwer. Als wir starten werden moderate Winde und Flauten vorhergesagt. Also mit klopfenden Herzen die Leinen los und Kurs Richtung Bermudas. Anfänglich ging es steil nach Norden und einige Stunden nervte der Motor. Die Sonne brennt Tags unbarmherzig und nachts erwischen uns erste schwache Regenschauer. Wetterleuchten und Gewitter in weiter Ferne verkürzen die Nachtwachen bei zunehmendem Mond. Ute schläft oder schickt leckere Grüße aus der Küche. Ich denke, dass da bald eine Beförderung ins Haus steht und sie einen Offiziersrang erhalten sollte. Vielleicht „1. Kombüse“…

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Müll schnippeln

Der Wind ist schwach und wir schleichen manchmal mit 3-4 Knoten dahin. Die Segel schlagen nervenaufreibend in der niedrigen, aber bewegten See. Wir versuchen es mit mentaler Entspannung zu ertragen. Der Jollensegler beginnt seine Besserungsvorschläge mit: „Was hältst Du davon, wenn wir …“ oder „Vielleicht wird es besser, wenn ….“ einzuleiten. Man kommt nicht zum Lesen. Ich turne auf dem Vorschiff rum. Es wird gehalst, geschiftet, ausgebaumt, ausgerefft, eingerefft, passatbesegelt, gefiert, dicht geholt und „gezuppelt“. Manchmal hilft`s auch. Dennoch nähern wir uns stetig dem Ziel. Der Wind dreht und wir müssen gegen an kreuzen. Freikerl schiebt Lage und aus den immer noch nicht dichten Tanks laufen kleine Rinnsale von Wasser und Diesel in die Bilge. Freikerl legt sein Tankstellenparfüm an. Wir gewöhnen uns daran und lernen zu ignorieren.IMG_6234

In großer Dankbarkeit und um unsere Telekommunikationssponsor zu Ehren, fahren wir ein großes, mehr als 100 sm langes „Gebr. Müntz – M“ in den Atlantik. IMG_6247Der Zufall will, dass ich Guy de Maupassant „Auf See“ lese. Die treffliche Passage zum „Wind“ will ich zitieren:

„Was ist der Wind für Seeleute doch für eine Gestalt! Man spricht von ihm wie von einem Menschen, einem allmächtigen Herrscher, der mal schrecklich, mal wohlwollen ist. Über ihn wird den ganzen Tag am meisten geredet, an ihn wird tage- und nächtelang pausenlos gedacht. Ihr Leute an Land kennt ihn ja gar nicht! Wir aber kennen ihn besser als unseren Vater oder unsere Mutter, diesen Unsichtbaren, diesen Schrecklichen, diesen Unbeständigen, diesen Heimtückischen, diesen Verräter, diesen Grausamen. Wir lieben ihn, und wir fürchten ihn, wir kennen seine Tücken und seine Wutausbrüche, die vorauszusehen die Zeichen von Himmel und Meer uns langsam lehren. Er zwingt uns, jede Minute, jede Sekunde an ihn zu denken, denn der Kampf zwischen ihm und uns hat nie ein Ende. ….“

Dennoch geht die Taktik auf und am 8. Tag dreht der Wind so, dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit die Ankerbucht von St. Georges auf Bermuda erreichen. Wir segeln 903 sm. 150 sm mehr als der direkte Weg. Lange vor dem Landfall werden wir vom Bermuda Radio befragt. Etliche Nummern von EPIRB, Funk, Marke der Rettungsinsel, woher, wohin, etc. werden in langen Funkgesprächen abgefragt. Sie fragen nach Seekarten, die wir an Bord haben und bieten Hilfe bei der Einfahrt an. Ein perfektes Leitsystem. Selbst Custom und Immigration warten auf uns. Der Wind frischt auf und Freikerl schwoit friedlich am Anker. Wir genießen die schaukellose Nacht in der geschützten Ankerbucht. Wir reservieren telefonisch einen Platz in der Marina, wohin wir uns nach Abflauen des Windes am Nachmittag verholen wollen. Frische Dinge braucht der Kühlschrank, Wasser der Tank, die Wettervorhersage der Skipper, die Plünnen eine Waschmaschine und alle brauchen eine Dusche. Lange wollen wir nicht verweilen. Uns zieht’s nach Osten, auch wenn die Zeit der kurzen Hosen bald dem Ende entgegen geht!

Bermuda schickt uns am folgenden Tag mit Dauerregen und Dunkelheit ganztägig in die Kojen. So sieht die Insel öd aus. Doch bei Sonnenschein präsentiert sich Bermuda ganz anders. Es ist grün, alles blüht und die britischen Wurzeln sind unverkennbar. St. George besteht aus einer Vielzahl von ehemaligen Werften, die heute „Schnulliputzläden“ für Touristen und Cafés beherbergen. Die Altstadt von St. Georges ist pittoreskes Weltkulturerbe. Einige Schritte über den Hügel wandernd erreichen wir wunderbare Badebuchten mit atlantischen Schnorchel Riffen. Der Billardtisch im Sonnenschein bringt mich auf völlig neue Ideen….IMG_2374 IMG_2324 IMG_2332 IMG_2294 IMG_2291 IMG_2336 IMG_2344 IMG_2348 IMG_2304 IMG_2314 IMG_2285

Heute wird gebunkert und eine Sightseeingtour über die Insel mit dem Bus unternommen. Dann werden wir uns wohl auf den Weg machen.

2 Kommentare

  1. Hallo Ihr Lieben! Mit Neugier haben wir die Zeilen verschlungen und haben schon eine Weile auf eine Nachricht von euch gewartet! Die Völlerei aus der Karibik geht wohl zu Ende, um es mit unserer Kanzlerin zu halten: Ihr schafft das!

    Sollte das Holger auf dem Foto sein, dann steht ihm der Bart wirklich gut! Und mein lieber Atze, du scheinst etwas an Figur verloren zu haben?!

    Ihr erlebt wirklich ein großartiges Abenteuer! Wir sind in Gedanken bei euch und drücken euch die Daumen! Immer handbreit und viele Grüße von den Leipzigern drei J!

  2. Hallo, wir haben uns in Cayo Largo auf Kuba getroffen (die Chartercrew der eine Maschine ausgefallen ist, Ihr habt uns beim Anlegen geholfen.
    Auf dem Rückweg nach Cienfuegos sind wir eine zeitlang nebeneinander gesegelt und ich habe noch sehr schöne Fotos vom „Freikerl“ gemacht.
    Wenn Ihr Interesse an den Fotos habt, bitte melden.
    Mast- und Schotbruch, Maria Veit

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