Skagerrak – mal ohne Nebel

Kristiansand und Kirkehamn

Kristiansand ist perfekt zu Fuß zu erkunden. Wir gönnen uns Urlaubsfeeling, schlafen aus, lesen erstmals anderes als „Fachliteratur“, streifen durch die Stadt. Ein Päuschen mit Imbiss im Victoria-Pub Samstagnachmittag um 2  bringt uns neue Erkenntnisse zum Feierverhalten des Norwegers: trüppchenweise fallen in den kleinen beschaulichen Innenhof des Pubs gut gelaunte Menschen beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen ein, alle in magentafarbenen T-Shirts mit einheitlichem Aufdruck gekleidet. Nach unserer Deutung des Aufdrucks verband die Gesellschaft, die unterdessen synchron zum dB-pegel auf mindestens 50 Teilnehmer angewachsen war, so etwas wie ein Kneipen-Langstreckenlauf, mit vorgegebener Abfolge der Lokalitäten, die mit Edding auf dem Shirt abgestrichen wurden. Alkoholfreie Getränke verstießen offenbar gegen die Spielregeln. Der Genuss von Tabakwaren war wohl fakultativ, jedoch fiel kaum jemand auf, der gekniffen hat. Auch das Rauchen wird in Skandinavien scheinbar deutlich mehr gepflegt, womöglich liegt es auch darin begründet, dass z. B. die bereits im vorherigen Eintrag erwähnte Königin Margarethe keine Scheu hat, sich zur Leidenschaft des Rauchens zu bekennen.

Ansonsten: für Anke gibt’s ein paar schicke Landgangstiefelchen; eine norwegische Telefonkarte für preiswerteren Datenexport, frisches Obst und – endlich – Käse aus der Tube (Skinkeost, Rekeost, Baconost usw.). Der Hafenmeister ist unpässlich und lässt sich erst am dritten Tag blicken.

Montag mittags rappelts uns und wir versuchen das 25 sm entfernte Mandal zu erreichen. Doch nach Erreichen der offenen See stehen doch tatsächlich, wie angekündigt, 6 Bft und 1,5 m Welle genau von vorn. Och, darauf hatten wir dann doch keine Lust, machen kehrt, stehen am kommenden Morgen um 4 auf, legen im herrlichen Sonnenaufgang ab. Nach 3 Stunden Morgenflaute setzt der Wind ein und treibt uns, auch wie angekündigt mittlerweile auf Südost gedreht, in flotter Rauschefahrt 70 sm westwärts nach Kirkehamn auf der Insel Hidra. Anke hatte dieses idyllische Fleckchen schon lange auf dem Radar. Wir laufen bei Prasselregen in den kleinen Fjord ein und machen an dessen Ende an einer kleinen Holzpier fest. Ein Fischer, der es eilig hat, sein kleines Boot klar zu machen, um zum Angeln rauszufahren (es scheint, als beißen sie bei Regen wirklich besser), meint im Vorbeituckern: können bleiben so lange wir wollen, Wasser kostet nix, Strom auch nicht, Übernachtung auch nicht. Und das an dieser zauberhaften Stelle. Wir sind sprachlos.

Skagerrak – mal ohne Nebel

FreiKerl und Snowball vorm alten Eishaus, Kirkehamn

Zum Meer hin sind die Berge karg und unbewaldet, drinnen im Fjord prahlen sie in frischem Frühlingsgrün. Die kuscheligen skandinavischen Holzhäuschen, überwiegend in strahlendem Weiß, sind – wie die Gärtchen drum herum auch – liebevoll gepflegt. Wir sind platt vor Begeisterung und ziehen deshalb auch gleich einen Korken aus der Flasche. Kaum zu glauben, aber eine Stunde später tuckert eine kleine Reinke namens „Snowball“ rein und belegt die noch freien 10 m vor uns an der kommunalen Pier. Anke hilft beim Festmachen, quatscht sich auch sogleich mit Hans, dem Einhandsegler aus Travemünde, fest. Dem alten Salzbuckel läuft hier jedoch zu viel Schwell rein und ehe wir mit dem Abendessen fertig sind hat er ein ruhiges Plätzchen am alten Eislagerhaus, mit wunderbarem Blick auf die weiße Holzkirche ausgemacht und legt um. Für uns wäre auch Platz, wenn wir wollen. Okay, wir wollen auch. Platz ist relativ. Die Schwimmausleger sind recht zart und nur 9 m lang und wir legen kühn direkt an der Terrasse des Restaurants an. Es sieht schon etwas unverhältnismäßig aus, wie der dicke FreiKerl sich da hineingepresst hat. Die Bezahlung erfolgt hier per Kasse des Vertrauens. Der ehrliche Wassertourist soll pro Übernachtung, unabhängig von Personenzahl und Bootsgröße umgerechnet 16 € in den Briefkasten werfen; WC, Dusche, Waschmaschine, Trockner, Strom und Wasser inklusive. Unglaublich.

Ein paar junge Leute betreiben in dem historischen Eishaus, in dem früher die Eisblöcke gelagert wurden, an 3 Tagen der Woche ein sehr uriges Restaurant. Da wir nur 3 m vom emsigen Vorbereitungstreiben auf den morgigen ersten Öffnungstag zu Christi Himmelfahrt entfernt sind, beschleicht uns der Verdacht, dass hier mindestens gut gekocht wird, wenn nicht besser. Mal sehen.

Skagerrak – mal ohne Nebel

Die Kirche, im Hintergrund der Hagasen

Mittwoch also Landgang, auf den nahen Berg Hagasen, auf dem die Deutschen eine riesige, hervorragend getarnte Festung errichtet hatten. Unwillkürlich beschleicht uns ein bedrückendes Gefühl bei den Gedanken daran, was sich hier vor ca. 70 Jahren abgespielt hat, und der Kontrast zu den sattgrünen, fast urwäldlich und alpenländisch anmutenden Berghängen und -kuppen mit überwältigenden Ausblicken könnte nicht größer sein. Vögel kreischen, die Glöckchen der Bergschafe bimmeln und die umliegenden Hänge echoen das Gebimmel zurück. Und, wir können es kaum fassen, auf einer Klippe stehen 2 würfelförmige Hüttchen, ein rotes und ein blaues, mit spektakulären Ausblicken aufs Meer, unverschlossen und liebevoll eingerichtet. Im Blauen stehen ein Bänkchen, 2 Hocker, ein Tisch; hier ein kleiner Teppich, dort ein Deckchen, etwas Deko für die Gemütlichkeit. Im ausliegenden Gästebuch kann man seine Meinung zu diesem Kunstprojekt hinterlassen, was wir natürlich auch gern tun. Im roten Hüttchen steht nur ein Doppelbett, frisch bezogen mit „Norwegerbettwäsche“.  Für 500 NK (ca. 60 €) pro Nacht kann man dieses entzückende Liebesnest mieten. Die spinnen, die Norweger.

Skagerrak – mal ohne Nebel

Hütten mit Aussicht – ein nicht alltägliches Kunstprojekt

Skagerrak – mal ohne Nebel

Blick auf Kirkehamn

Auf dem Rückweg treffen wir Hans, der uns zum Kaffee trinken einlädt. Wie das so ist, haben wir uns doch festgequatscht bis Mitternacht. Und der Hans, schon 65, sehr angenehmer Zeitgenosse, hat sein ganzes Leben auf dem Wasser verbracht, war früher Kapitän, und segelt nun, da seine Frau immer seekrank wird, meist allein, jährlich für 3 Monate, meist im Norden. Zum Abendessen ziehen wir auf FreiKerl um, und während Anke ein köstliches Resteessen zaubert bringt er das alte Weatherman-Gerät in Gang. Die kleine Fachsimpelei über den Windpiloten – Hans fährt mit einem baugleichen Modell – ergibt, dass unser liebevoll „Peter“ genannter Begleiter bei ihm unter „Förthmann, du Hund“ geführt wird. Diesen Kosenamen übernehmen wir ab nun, wenn „Peter“ nicht so will, wie wir uns es vorstellen.

Und da es den Seebären, wie zu vermuten war, nirgends lange an Land hält und ihm Windrichtungen und Wellenhöhen recht egal sind, legt er am kommenden morgen früh ab, er möchte schließlich auf die Lofoten, oder mal fix nach Island rüber, das würde ihn auch jucken (darf er aber seiner Frau nicht vorher sagen …)

Für uns ist es ein Ort zum Verweilen, wenigstens noch 1-2 Tage.

Außerdem wollten wir der norwegischen Küche eine Chance geben. Mit Erfolg. Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Es war exquisit, deliziös, herausragend. Nur als Andeutung die Vorspeisen: glacierte Königskrabbe an Blumenkohlcreme und Zwiebelchutney und roher Seeteufel an krossen Schinkenkrumen und ……. Es ist sehr lange her, dass wir sooo gut gegessen haben. Selbst der Wein war fein. Vom Kellner erfahren wir zum Abschied, dass hier an der Terrasse noch nie ein so großes Boot gelegen hat. Hmm. Jedenfalls bleiben wir liegen.

Heute packen wir erstmals die Falträder aus. Die Dinger fahren sich wirklich gut und machen richtig Spaß. Die 8-Gang-Nabenschaltung und die Bremsen funktionieren ausgezeichnet, was hier durchaus wichtig ist! Die Hochzeitsgeschenke haben die erste Bewährungsprobe bestanden, danke an den Schwiegervater! Der Radausflug wird kombiniert mit einem Marsch auf den anderen Nachbarberg Onsosen. Ausgeschrieben war der Weg als „Enkelwegen“, enkel heißt leicht auf Norwegisch, also blaue Route, leichter Aufstieg, nur 1,1 km. Gemeint war wohl senkrecht.  Den norwegischen Spitzbuben, der diese Zuordnung vorgenommen hat, möchten ich und mein linkes Knie gern kennenlernen! Aber der alpine Ausflug belohnte uns mit wiederum sensationellen Ausblicken über die umliegenden Bergketten und Fjordeinschnitte. Blauer Himmel und die Schaumkronen im Skagerrak glitzern in der Sonne. Wir sind restlos begeistert und genießen das Panorama bei sächsischer luftgetrockneter Knacker und einer Büchse Radeberger.

Skagerrak – mal ohne Nebel

Blick Richtung Flekkefjord

Morgen solls nun wirklich weitergehen, schließlich möchten wir auch nach Island!

 

 

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4 Kommentare

  1. … klingt seehr entspannt. Das kann ich gut nachvollziehen, dass man sich da auch ‚mal „festquatscht“.
    Hautsache ihr verpasst den Absprung nicht. Morgen geht der Juni los. Dann sind es nur noch paar Tage bis Midsummer. Also Kippe aus und hoppi, hoppi raus aufs Meer. ;-)
    r ’n r ‚ll Matti

  2. Moin Ihr Beiden!
    mein Güte, mal abgesehen vom Zeitfenster für Island, da müsste man ja an dem traumhaften Fleckchen halb ewig bleiben, da kann ich absolut verstehen, dass es Euch kurz hält! 3 Tage die Woche anscheinend wunderbarstes Essen noch als Grund dazu.

    Ich hoffe Ihr habt Euch gut entspannt und seit nun auf Westkurs!
    Ahoi, ebenso Grüße von meinen Mädels.

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