„The Grind Is Coming!“

"The Grind Is Coming!"

 

Wir streunen durch das Hafenviertel auf der Suche nach einem kleinen Mittagssnack. Nebenbei registrieren wir eine eigentümliche Betriebsamkeit im Hafen. In färöisch atypischer Eile springen Männer in ihre Angelboote und verlassen den Hafen. Plötzlich kommt ein Mann auf uns zu, auf den wir einen eindeutig touristischen Eindruck gemacht haben müssen, und fühlt sich offenbar verpflichtet, das Treiben im Hafen erklären zu müssen. „The Grind is coming!“ Dies sei eines der Hauptereignisse des Jahres; er wisse wohl, wie umstritten dies gesehen wird, aber das müsse man erleben, wenn man die Färöer schon besuche. Natürlich hadern wir. Müssen wir dem beiwohnen? Wir entscheiden, der Aufforderung zu folgen und eilen, unterdessen sind hunderte Menschen in diese Richtung unterwegs, zu der Bucht, in der das Treiben endet. Auf dem Hügel neben der Hafeneinfahrt wird uns klar, was dort geschieht. Ca. 100 Angelboote, Schlauchboote, Jetskis, selbst ein paar Segler treiben eine Grindwalherde in Richtung Strand. Dahinter thront das einzige „Kriegsschiff“ der Küstenwache, als wollte es die Aktion von See her absichern. Der Alltag in Torshavn ist zum Erliegen gekommen. Am Strand steht die Landcrew bereit, umringt von 100en Schaulustigen aller Altersklassen und wartet auf das Stranden der Tiere. Feuerwehr, Krankenwagen und Ordner sichern das Schlachtfest ab. Und wir sind nun mittendrin. Unbehaglichkeit trifft unseren Zustand nicht annähernd. Wir fühlen uns wie bei einer Kriegsberichterstattung und schwanken zwischen Abscheu und Faszination. Alles läuft generalstabsmässig ab, die Rollen sind klar verteilt, vermutlich seit 100en von Jahren: die Boote fahren in geschlossenen Reihen hinter den einzelnen Walgruppen, die Männer auf den Booten schlagen mit Stöcken außen an die Rümpfe, so dass es letztlich kein Entrinnen für die Wale gibt, für nicht einen. Jagdfieber und Adrenalin lässt sie offensichtlich die Kälte und den Wind vergessen. Etwa 100 Männer stehen im 8 Grad kalten Wasser, in den Sachen, die sie während der Arbeit, die sie abgebrochen haben, getragen haben. Die meisten in Sneakers, Jeans und färöer Strickpullover, und stürzen sich martialisch mit dickem Seil und Haken auf die Wale, um sie an Land zu ziehen. Dann folgen die autorisierten „Schlachter“, die mit einer Art mechanischem Bolzenschussgerät die Tiere töten und mit langen Messern den entscheidenden Schnitt hinter dem Kopf setzen, um sie ausbluten zu lassen. Das Blut von schätzungsweise 120 – 150 Walen, die nun ordentlich aufgereiht am Strand zum Abtransport bereit liegen,  hat das Wasser in der Bucht rot durchgefärbt, so weit man schauen kann.  Es herrscht Volksfeststimmung. Ordner in Warnwesten mit Kladden unterm Arm verteilen die Beute – den Verteilerschlüssel haben wir nicht herausfinden können – und wiederum eine Truppe hängt die Kadaver mit der Schwanzflosse an die Boote (1 bis 5 pro Boot), die sofort aufbrechen und auf irgendeine Insel verschwinden, um die Beute zu verarbeiten. 2 Stunden später ist die Bucht blitzsauber, die Absperrungen sind abgebaut, alle zentral ausgegebenen Jagd- und Schlachtuntensilien eingesammelt, keine Seele mehr dort. Das Wasser indes bleibt noch lange ein Blutmeer, von weißen Schaumbahnen wie Adern durchzogen.

Wir treten stumm den Heimweg an. Fassbar ist das für uns noch lange nicht.

 

Unterdessen führten wir täglich ausführliche Gespräche darüber, miteinander, mit Nachbarn im Hafen und mit Einheimischen, über die Berechtigung oder das Absurde dieses Geschehens. Für die Färöer ist es ein Teil ihrer Identität, und natürlich ihrer Tradition, aber die steht nicht im Vordergrund. Hier gibt es nur Fisch, Schafe und die Grindwale. Letztere „kommen zu Ihnen“, in ihre Buchten, um sie zu ernähren, damit sie die langen Winter überstehen können. Die Außenwirkung im allgemeinen ist ihnen bekannt. Sie meinen, die Welt hasst und verurteilt sie dafür, darüber hinaus würde sie sich für diesen Mövenschiss Färöer, mit knapp 50.000 Einwohnern, im kalten Nordatlantik, allerdings herzlich wenig interessieren …

Wir wissen, es ist ein äußerst vielschichtiges, kompliziertes und streitbares  Thema. Ein Urteil oder eine Wertung maße ich mir nicht an. Die Fotos sollen nicht anklagen, lediglich einen Eindruck des Geschehens wiedergeben.

 

(Leider kriegen wir es nicht hin, die Reihenfolge der Bilder zu bestimmen. Insofern unsortiert.)

 

 

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5 Kommentare

  1. Wale schlachten ist eine Tradition, die ohne Hinterfragen vergleichbar ist mit der Tradition der Klitorisbeschneidung der afrikanischen Frauen! Trotzdem beieindrückende Bilder von sicher nicht wirklich zu beschreibenden Erlebnissen! Weiter so! LG Martin

  2. Tolle beeindruckende und verstörende Bilder! Mit Tradition ist das nicht zu entschuldigen! Beschneidung? Affenhirn fressen? …. Wozu muss die Küstenwache das schützen? Die Crew der „Mariposa“ ist vor einigen Jahren aus der Bucht geschleppt worden, damit die Traditionalisten ihrem Schlachtwerk ungestört nachgehen können. Diese Diskussion hatten wir mit Anders, unserm dänischen Mitsegeler. Er hat das auch mit „Tradition“ entschuldigt….Traditioneller Walfang geht nicht mit PS-bewährten Schnellbooten und Schnellfeuerwaffen! Wer Wale in offener See gesehen hat kann das nicht nachvollziehen. Zumal für diese Art des Walfanges keine existentielle Notwendigkeit besteht! Für uns nicht zu entschuldigen – Intolleranz ist auch mal angebracht! Trotzdem Liebe Grüße! Wir sind bei Euch! Atze und Ute

  3. Wale schlachten ist eine Tradition, die ohne Hinterfragen vergleichbar ist mit der Tradition der Klitorisbeschneidung der afrikanischen Frauen! Trotzdem beieindrückende Bilder von sicher nicht wirklich zu beschreibenden Erlebnissen! Weiter so! LG Martin
    P.S. Ich kann nicht abschicken…….
    doppelter Kommentar! Welches xxx ist hier der Zensor????

  4. Die Rote Bucht – wie ihr das in Bilder gefasst habt! Dieser Gegensatz zwischen dem martialischen Abschlachten und der Volksfestfreude, unglaublich! Wie die Kids schon herangeführt werden… Und das Blutwasser im Gummistiefel. Danke für die verstörenden Bilder und den Diskussionsstoff!
    Gute Fahrt und herzliche Grüße, Matthias

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