Salām! Bienvenue au Maroc

Kurz gesagt, die Überfahrt war vergleichsweise langweilig. Kein Delfin, kein Wal, keine Sonne, kaum Sterne, überraschend wenig Schiffe, und obendrein betrog uns die Windvorhersage. Nach einem Drittel der Strecke war komplett tote Hose, tote Windhose. Das einzig Gute daran waren die notgedrungen kleinen Wellen, die kein Wind mit sich bringt. Oft ist der Hafen geschlossen, denn die Sandbarren quer vor der Hafeneinfahrt lassen Wellen über 2 m sich unberechenbar aufbauen und für kleine Schiffe gefährlich brechen. Jedoch wie geplant: Einfahrt möglich.

 

Salām! Bienvenue au Maroc

auf zu neuen Ufern

 

Die empfohlene Funkabstimmung mit dem Lotsen vorab war wohl missverständlich, denn er kam uns erst entgegen, als wir die unklaren Ecken der Flussmündung bereits glücklich umschifft hatten. Drei Beamte kümmerten sich um die Einklarierung, die sehr korrekt aber freundlich ablief, und nach einer knappen Stunde war der Papierberg bewältigt. Auch auf den sniffer dog mussten wir nicht lang warten. Aufgeregt schnüffelte der deutsche Schäferhund in FreiKerls Ecken herum, trollte sich aber schon nach wenigen Minuten enttäuscht und gelangweilt und wurde liebevoll aus dem Boot gehoben. Vor allem Formellen stand dennoch jederzeit ein „Herzlich Willkommen“ in Marokko, Marina Bou Regreg, in Rabat-Salè.

Seit gestern schiebt der Südost kräftig kalte Luftmassen vom Atlasgebirge herab und lässt kleine hektische Wellenketten an FreiKerls Alu-Gehäuse klöpfeln. Ein vertrautes Geräusch, doch noch immer schaue ich irritiert in die Bilge, denn es klingt, als gluckert das Wasser unmittelbar unter uns im Rumpfinneren. Ein unentschlossenes Gewitter kreist seit fast 2 Tagen um die Stadt und übertönt gelegentlich die sonst unüberhörbaren Muezzine. Das Konzert der satten Regentropfen auf unserem Blechdach schürft in Erinnerungen an Ende November in Mitteldeutschland. Noch immer kein Landgangwetter, aber endlich Zeit für Französisch-Babbel, Reiseplanung, Mietwagenbuchung und Versuche, unsere ersten Marokkoeindrücke festzuhalten. Die Skipperin muss auch noch „Dienstliches“ liefern.

 

Salām! Bienvenue au Maroc

Blick auf die Kasbah von Rabat

 

Genau genommen liegen wir auf der „Salzseite“, in Salè, der Zwillingsstadt von Rabat, der die Einheimischen die „Zuckerseite“ zusprechen, getrennt durch den ständig von Versandung bedrohten Fluss Bou Regreg. Die schicke Marina, wie als Dekoration vor einem gewaltigen, überwiegend noch leerstehenden bzw. noch im Bau befindlichen, modernen Quartier, ganz nach westlichem Muster zwischen Altstadt und Flussufer geklotzt, scheint die Einheimischen als bevorzugtes Hintergrundmotiv für die auch hier ausgebrochene „Selfiemania“ anzulocken. Nagelneue Cafés und Restaurants säumen die Hauptpier. Auch wir werden hier mit enormem personellen Aufwand rund um die Uhr bewacht, denn einer der 5 Stege ist den blitzenden und pferdestarken Wasserspielzeugen der Königlichen vorbehalten. Alles ist blitzsauber. Strom, Wasser, WLAN, Dusche funktionieren bestens. Derzeit bekommen wir das „Sorglospaket“ für weniger als 10€ / Tag. Trotz aller Vorzüge liegen außer uns nur 8 weitere Gästeboote im Hafen. Soll ich befürchten oder hoffen, dass es sich in den nächsten Jahren ändern wird? Die überschaubare Gästeschar kommt wiederum schnell ins Gespräch. Erika aus Süddeutschland zieht mit ihrem 10m-Boot seit 3 Jahren allein durch die Wasserwelt, der verschmitzte Louis und Annick aus der Bretagne wollen ab März ins Mittelmeer. Der Belgier ist einer hübschen Marokkanerin verfallen und nun leben sie zu dritt auf ihrem ständig Windel bewimpelten Schiff. Es ist wie immer, um jedes Boot und jede Crew schweben eigene und besondere Geschichten, die an den Abenden in den geheizten Salons wortreich, auch radebrechend und zuweilen augenzwinkernd ausgetauscht werden.

In meteorologischer Ahnungslosigkeit hatten wir auch in Nordafrika höhere Temperaturen erwartet. Morgens ziehen „isländische“ 5° C durch die Luke. Das tägliche Weckkonzert bestreiten der Morgenmuezzin mit der um Kurven quietschenden Tram, das streitsüchtige Krakeelen der erwachenden Reiher und Kormorane und erstes Trillergepfeife der immer – und allgegenwärtigen Ordnungs- und Sicherheitshüter gemeinsam.

Die Medina mit allen zu erhandelnden „Waren des täglichen Bedarfs“ und zig kleinen Cafés und Brutzelständen liegt in Sichtweite. Neugierig und gespannt lassen wir uns durch die Gassen treiben, drängeln uns durch die nach Themen getrennten Souks, staunen, schnuppern, irren durch das unübersichtliche Gewirr der Gänge, winden uns durch die weit aus den Standnischen quellenden Kaftane und Djellabahs, durch Vorhänge von bunten bestickten Schläppchen und Berge von Gebetsteppichen aller Farben und Muster, stolpern über Teppiche mit Bergen von Töpfen und Kännchen, verweilen im staubenden Tischler-Souk und stehen ungläubig vor unübersehbaren Reihen mit Gewürzfässern und Kräuterbündeln. Die Intensität und Vielfalt der Düfte und Farben saugt uns ein und überfordert bald unsere Sinne. Salè ist im Gegensatz zu Rabat untouristisch und wir sind nicht genötigt, uns der üblicherweise aufdrängenden „guides“ und Souvenirverkäufer zu erwehren. Die Grande Mosquée bleibt uns natürlich verschlossen, aber die wundervolle Medersa (theolog. Hochschule) aus dem 14. Jhd ist auch für uns Nichtmuslime zugänglich. Eine Flut herrlichster Ornamentik, umrahmt und durchzogen von floralen Arabesken und endlosen prächtigen kalligrafischen Schriftbändern mit Koransuren stürzt auf uns ein. Geometrische Mosaikornamente wechseln mit feiner Stuckzier an den Wänden und im Deckenbereich setzt sich die Pracht in kontrastvoll gebeiztem und edel geschnitztem Zedernholz fort. Das islamische Verbot Menschen und Tiere abzubilden hat diese ornamentalen Kunstformen zur Vollendung getrieben.

 

Salām! Bienvenue au Maroc

Medersa von Salé

 

Wie zufällig findet sich ein Englisch sprechender Ortskundiger ein, erzählt uns von Geschichte und Bedeutung, lotst uns freundlich zum Eingang der benachbarten großen Moschee und verschafft uns nach kurzem Wortgeplänkel mit dem Imam einen Einblick in den Gebetsraum. Vor der Moschee werden wagenradgroße Tonteller mit dampfendem Couscous, Fleisch und Gemüse aus einem kleinen Lieferwagen geladen. Wir erfahren, dass der Königshof täglich das Moscheenpersonal mit Essen versorgt und schleppen einen dieser Zentner schweren Teller abwechselnd tragend zurück in die Medersa. Voilà, wir sind eingeladen! Und schon sitzen wir mit der Dame von der Kasse, zwei Wachleuten und dem heimlichen Stadtführer um das köstliche königliche Mahl, teilen uns die 2 vorhandenen Löffel oder essen mit den Fingern (der rechten Hand, denn die Linke ist gemäß Koran den gegenteiligen Verrichtungen vorbehalten). Von den Resten hätten noch 10 Mann gesättigt werden können. Und der nette Mann mit dem gelben Kaftan über der roten Trainingsjacke hatte uns nun natürlich fest an der Angel. Er führt uns nochmals durch die interessanten Winkel des Medinalabyrinthes, durch die Gold – und Ledergasse, den kleinen Marktplatz, auf dem sich die Gläubigen mehrfach täglich zum Gebet einfinden und der abends zum Auktionsplatz wird, auf dem jeder alles versteigern kann. Der abschließende geschäftliche Teil verläuft dann etwas bestimmter. Erwartet wird eine Summe, die annähernd einem marokkanischen Wochenlohn entspräche; schließlich drücken Imam und die Sicherheit nicht umsonst die Augen zu, 6 Kinder wollen auch ernährt sein, und wir einigen uns bei der guten Hälfte und verabschieden uns verkniffen lächelnd mit den besten Wünschen.

Eine Flotte blau gestrichener hölzerner Ruderboote bewerkstelligt den Fährpendelverkehr nach Rabat; für 0,45 € wird man mit Muskelkraft hinüber und zurückgebracht. Die Hauptstadt mit Königssitz und damit auch religiöse Zentrale gibt sich weltlich, stärker Konsum orientiert und auch westlicher. Ein Streifzug durch die imponierend hoch über der Hafeneinfahrt thronende Kasbah aus der Berberzeit (Verteidigungsanlage mit hohen, Zinnen bewehrten Mauern, und noch immer bewohnt), mit seinem verwirrenden Gassen- und Sackgassennetz versetzt uns lebendig 800 Jahre zurück.

 

Salām! Bienvenue au Maroc

in der Kasbah

 

Rabats Wahrzeichen, der Hassanturm, ein unvollendetes Minarett und gegenüberliegend das unglaublich prachtvolle Mausoleum des Großvaters des heutigen Königs umschließen einen Wald von 420 in einheitlichem Raster angeordneten Säulen einer gigantischen Moscheeruine aus dem Ende des 12. Jhds. Mächtig und gewaltig.

Die Nekropole Chellah, eine weitläufige Totenstadt mit Ursprüngen durch Karthager und Römer, umschlossen von Mauern wie eine trotzige Kasbah, lädt zum Schlendern und Entdecken, Verweilen und Nachdenken ein. Wie inszeniert liegen die Ruinen und Grabstätten vieler Jahrhunderte in verwunschene botanische Gärtchen eingebettet, beherrscht und belebt durch unzählige Störche und deren unermüdliches Geklapper.

 

Salām! Bienvenue au Maroc

in der Totenstadt

 

Bisher haben wir uns schnell reingefunden in diese andere, überwiegend unbekannte Welt, genießen das Essen (Favorit: Tajine, im Tontopf gekocht und serviert, in allen erdenklichen Varianten und Kombinationen von Fleisch, Gemüse, Couscous, Kartoffeln), die herrlich frischen Fruchtsäfte, exzellenten Kaffee, und sogar den zuckersüßen Tee mit frischer Minze haben wir lieben gelernt. Ausnahmslos freundlich und entgegenkommend ist man uns hier begegnet. Selbst an gänzlich andere Auslegungen von Zeitbegriffen kann man sich gewöhnen. Das Schneiderlein, dass für ein paar Winschenabdeckungen Maß nehmen will, verspätet sich um 25 Stunden. Im Marina-Shop mag mir ohne den Chef niemand 4 m Schlauch verkaufen und vertröstet mich um eine Stunde. Letztlich säge ich mir mit einem Küchenmesser der Putzfrauen das Stück selbst ab und bezahle im Hafenbüro nach Liste bei der Sekretärin. Andre Länder …

Muslimische Kunst und Kultur machen uns sehr neugierig und fordern zur Auseinandersetzung auf. Allein der Umstand des Französischen (und des Arabischen, haha) nicht mächtig zu sein ist hinderlich und verkompliziert Verständigung und Verständnis. Seit einer Woche betreiben wir ein Babbel-gestütztes intensives Französisch-Lernprogramm, im Zweifel fragen wir Louis.

Freitag geht’s los, für 2 Wochen. Marrakesch, Atlas, Wüstensand am Wüstenrand, Straße der Kasbah. Mietwagen und erste Unterkünfte sind gebucht, und wir spüren deutlich wachsende Vorfreude und Aufregung.

 

Salām! Bienvenue au Maroc

Thé à la menthe marocain

 

Seit 9 Monaten sind wir in 9, z.T. sehr verschiedenen, Ländern zu Gast gewesen, oft mehrere Wochen. Überall fühlten wir uns aufrichtig willkommen geheißen und können von keiner einzigen unangenehmen Erfahrung berichten. Oder andersherum: seit 9 Monaten sind wir ununterbrochen von Ausländern umzingelt, und das kann man bestens aushalten. Wir sind sehr glücklich darüber und dankbar dafür, für die unzähligen wundervollen Begegnungen, Erfahrungen und Gespräche, die immer den Geist öffneten, Verständnis für einander beförderten und die Horizonte und Blickwinkel stets ein wenig erweiterten.

 

Galerie Salé:

 

Galerie Rabat:

 

[mappress mapid=“214″]

2 Kommentare

  1. meine lieben, danke für die schönen bilder.
    schade, dass ihr schon so weit gesegelt seid, denn vom 23.2. bis 27.2. sind wandelts, bernd schekaus. und ich in porto. aber in der bretagne treffen wir uns. wir denken so oft an euch!
    liebe umarmung von moni+fam.

  2. Nun, während Ihr durch die Wüste reist, werden wir unsere sonntägliche Fahrt nach Ettersburg unternehmen und von der Versuchungsgeschichte Jesu in der Wüste hören. Es freut mich sehr, dass Ihr auch Gefallen an dieser anderen Kultur findet und noch dazu gut bewacht seid. Ich bin gespannt auf Euren Wüstenbericht und natürlich auf die Bilder,
    fühlt Euch herzlich umarmt von Conni.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 + vier =