Desert-TV & The Sound Of Silence

Die Abfolge meiner Berichte ist mit diesem Wüstenabschnitt nicht mehr ganz chronologisch. Ich konnte nicht anders. Nach den 3 Tagen in Marrakesch war ich zu wortlos und erschlagen, Ouarzazate lieferte noch nicht genug Stoff und unser Wüstenaufenthalt war soo begeisternd:

Mit ein wenig Bedauern verlassen wir nach 2 Tagen unseren Luxustempel in Ouarzazate und füllen nochmals – da jene lebenswichtigen Quellen ab hier versiegen – Sprit und Börse auf.  Zunächst geht’s auf recht einsamen Straßen durch weitläufige baumlose Geröllebenen allmählich bergan. Sobald es die Südflanke des Antiatlas‘ (ca. 1500 m) hinuntergeht erblickt man die sich schier endlos aneinanderreihenden Oasen und Palmerien des Draatals. Die Kasbahs und übrigen lediglich aus Stampflehm und Stroh errichteten Gebäude sind in den dichten Dattelpalmenwäldern oft nur schwer zu erkennen. Meist täuscht der Eindruck, sie seien endgültig verlassen und dem Verfall preisgegeben. Ein farbiges Wäschestück oder eine Satellitenschüssel deuten darauf hin, dass ein weniger versehrtes Eckchen noch bewohnt ist. Oder man erkennt dann doch hier und dort eine im Schatten hockende verhüllte Gestalt. Im Irgendwo und ohne ersichtlichen Grund an den ödesten Ecken und Flecken herumzusitzen und auf etwas nicht Erkennbares zu warten sind die Muselmanen hier Meister.

 

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Diese allgegenwärtigen Lehmhäuser und -einfriedungen sind schnell, einfach und sehr preiswert zu errichten. Allein der seltene Regen kann ihnen zusetzen und erfordert anschließend einfache Reparaturen. Ziehen die Menschen weg oder weiter, wird alles Brauchbare (und man braucht hier schlichtweg alles) demontiert. Mauern, Dach und Wände holt sich die Natur in wenigen Jahren zurück, oder der nicht nomadierende Nachbar. Nachhaltiger geht’s nicht. Leider baut der wohlhabende Marokkaner mittlerweile gern mit viel teurerem Beton und nimmt für die Offensichtlichkeit seines Wohlstandes das ungleich schlechtere Wohnklima in Kauf. Oft reicht der vermeintliche Reichtum auch nicht für die Vollendung des Bauwerkes und hinterlässt für ewige Zeiten unansehnliche Ruinen in den sonst so wohltuend homogen erdfarbenen Ortslandschaften. Auffällig sind die Offenheit und freundliche Neugier, die uns in den Berberdörfern begegnet. Von jedem vorbeifahrenden Moped werden wir gegrüßt, manche halten an und fragen nach dem Woher und Wohin, und auch die Frauen blicken uns, im Gegensatz zu den sehr scheuen Araberinnen, offen und fragend in die Augen, lassen sich ansprechen und haben manchmal nichts dagegen fotografiert zu werden. Es geht hier ungewöhnlich geruhsam zu. Niemand zupft an uns herum und will uns was andrehen, und wenn doch entgegnet man auf eine freundliche Ablehnung lächelnd mit guten Wünschen. In Zagora, der letzten städtischen Ansiedlung vor unserem Tagesziel M’hamid, starteten früher die Karawanen nach Timbuktu. 52 Tage zu Fuß oder auf dem Wüstenschiff benötigte man. Heute ist der Handel erstorben, sind die Grenzen nach Algerien und Mauretanien geschlossen und trennen Stämme und Familien gleicher Sprache und Kultur.

 

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Ksar mit Kasbahs

 

Im Ksar (meist labyrinthartige, wehrhaft ummauerte Gebäudeansammlung) von Ouarzazate lernten wir eine Berberfrau kennen, die dort in der verwinkelten Altstadt ein wunderschönes Gästehaus betreibt, die uns ihren „Couscousin“ Mahjoub als Wüstenguide empfahl, und wir nahmen unterwegs Kontakt zu ihm auf. Mahjoub, in schwarzer Lederjacke und mit schwarzem Turban, erwartet uns bereits im staubigen kleinen Ortszentrum von M’hamid, dem letzten Ort vor der Grenze zu Algerien, wo nicht nur die Straße tatsächlich endet. Wie immer steht sofort der Tee als Willkommensgruß auf dem Tisch und nach 10 Minuten haben wir den Plan für die nächsten 4 Tage klar. Nun sind Allrad und gute Reifen gefragt. Während der 6 km bis in unser Basiscamp wechseln flache Sanddünen mit steinigen Ebenen, dazwischen verstreut Dattelpalmen und krüppelige Akazien. Genau genommen befinden wir uns im Tal des Flusses Draa. Seit einem Staudammbau bei Ouarzazate vor 50 Jahren ward hier, außer nach den ein zwei Regentagen pro Jahr, jedoch kein Wasser mehr gesehen. Mittlerweile mickern selbst die anspruchslosen Dattelpalmen. Fast alle Nomaden sind gezwungenermaßen in den Dörfern sesshaft geworden, verdingen sich im Tourismus oder beim Militär. Der riesige Iriqi-See inmitten der Dünen ist eine endlose platte Ebene und wird wohl alsbald seinen Namen einbüßen. Die Bewässerungskanäle verfallen, die Felder liegen seit Jahren brach, ohne Wüstentourismus wären die Kamele endgültig arbeitslos und die Gegend entvölkert. Es ist noch Saisonbeginn und wir haben das Camp am ersten Tag für uns allein. Nachdem endlos kitschigen Sonnenuntergang hinter den letzten Palmengrüppchen spannt sich ein Sternenhimmel so klar und sternenreich und intensiv über uns, wie uns der schon oft bestaunte Atlantikhimmel noch nie erschien. Desert-TV! Psychedelisch! Die fast schmerzhafte Stille, dieser „sound of silence“ um uns herum lässt die Welt mystisch und surreal erscheinen. Unbeschreiblich! Und unvergesslich.

 

Desert-TV & The Sound Of Silence

 

Am Tag darauf fahren wir mit dem Landcruiser 60 km weiter in die Sandsahara, zu den großen Dünen. Es ist vermutlich Schulwissen, aber wir lernen: lediglich 20% der 9 Millionen Quadratkilometer der Sahara sind sandbedeckt, im Wesentlichen besteht sie aus Geröll, Fels und Steinfeldern, die sogenannte Hamada. Wir holpern durch nahezu baumlose, leicht hügelige Geröllfelder, fahren durch wilde blühende Rukolafelder, in denen die Dromedarherden weiden, stoppen immer mal an einem kleinen Zelt um noch nomadisierenden Kumpels unseres Fahrers und Guides und Ex-Nomaden Adman Wasser oder dergleichen Notwendiges zu überbringen, pausieren in einer klassischen, aber verlassenen Oase, und erreichen nach gut zwei Stunden unser Sandcamp am Fuß der größten Düne Erg Chigaga. Was für ein Strand! Mit dem feinsten Sand, den wir je gesehen und gespürt haben. Nach ein paar heftigen Abendböen in den Dünen bereuen wir allerdings, uns bisher den Multifunktionsturbanen, gewissermaßen der Arbeitsschutzkleidung der Wüstennomaden, versagt zu haben. (Die Kamera und ich knirschen noch heute hörbar mit den Zähnen.)  Und nur noch 1000 km bis ans Meer.

 

Desert-TV & The Sound Of Silence

 

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Es ist Saisonbeginn, die meisten der Camps sind noch leer und wir müssen den Sonnenuntergangsplatz auf dem Dünengipfel mit niemanden teilen. Auch die beiden Jungs in unserem Camp müssen sich nur um uns kümmern und wir werden liebevoll und aufs Beste versorgt, informiert und mit dem Jeep herumkutschiert. Mahjoub hat als kleine Aufmerksamkeit und Überraschung sogar Rotwein mitgeschickt. Ein kurzer, schaukeliger Kamelausritt genügt um festzustellen, dass dies nicht zu unseren bevorzugten Fortbewegungsarten zählen wird. Der Tauschhandel Frau gegen Kamele oder Ziegen scheint auch zum Erliegen gekommen zu sein. Ich kehre tatsächlich mit Anke an meiner Seite abends ins Lager zurück. Um uns herum nur Sand und Stille. Es ist so still, dass die Ohren nach Hörbarem suchen, und wir sind dankbar über das ferne spätabendliche Geblöke, mit dem die Dromedarmütter ihre Babys an die Zitzen rufen.

Die Parallelen zu den Weiten, der Ruhe, den Formen und der Gewalt der Ozeane drängen sich unweigerlich auf.

Zurück im Basislager beschließen wir nach Überrechnung unseres Reisezeitplans in Mahjoubs Paradies zu verlängern. Für einen Tag reicht das Bare noch. Und da es so wunderbar hier ist, findet sich für den zweiten Tag Verlängerung eine unkomplizierte Lösung: auf der Rückfahrt am nächsten, hundert km entfernten Geldautomaten Geld ziehen und einem Freund Mahjoubs in Zagora übergeben. So machen wir es, und können an diesem verzauberten Ort Koch Mohameds köstliche und überreichliche Vollverpflegung, ausgedehnte Spaziergänge durch die Randdünen und Palmenhaine, endlose interessante Gespräche mit den Jungs aus dem Camp und netten Gästen wie Lia und Serielle und die allabendlichen Sessions im Lagerfeuerrrund genießen. Ein, zwei Jungs zupfen die Saiten, die übrigen trommeln, und alle singen mit Hingabe. So öffnen Sie ihre Herzen und erzählen vom Leben, der Wüste, der Freiheit und der Liebe, sagen sie, und man nimmt es Ihnen ab.

 

Desert-TV & The Sound Of Silence

Mahjoubs Basiscamp

 

Auch „Muselmane light“ sitzen ums Feuer, Freunde von Mahjoub aus der Stadt. Bierbüchsen werden zischend geöffnet, Dattelwhiskey und Joints machen die Runde, auch Rotwein fehlt nicht. Das muss nach Einbruch der Dunkelheit schon gehen, Muselman ja, aber eben light, erfahren wir.

Auch kurios: am vorletzten Abend tauscht einer von Mahjoubs Familien-Fahrern, der erstmals Chinesen, die seit kurzem visafrei nach Marokko reisen dürfen, durchs Land und nun auch in die Wüste chauffiert hat, übers Feuer in fließendem Schwyzerdütsch mit uns die Lebenswege aus. Das war Achmed. Lach net, sonst kriegst` dein Dach net … Der Spaßvogel hat 4 Jahre in Basel auf dem Bau und bei der Müllabfuhr gearbeitet und wir hatten Lachkrämpfe ob seiner Geschichten vom wilden Berbernomaden in der sauberen, akkuraten Schweiz.

Kuriosität anderer Art, aber kein Witz: mit großzügiger deutscher Unterstützung wurde in die Wüste eine Nomadenschule! gebaut. Naheliegender Weise können die Nomadenkinder die nur äußerst selten besuchen, denn sie sind meist zu weit entfernt. Jetzt steht in der Wüste ein völlig unpassender Fremdkörper von Gebäude, völlig ungenutzt. Naja, nicht ganz, ein Wachmann wohnt darin und wird dafür bezahlt, dass dieses Kleinod der Entwicklungshilfe vor Plünderung zu bewahren.

 

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Mahjoub, unser Freund

 

Erwähnenswert ist, Mahjoub wurde auch in der Wüste geboren und hat wie viele Nomaden und „Landmarokkaner“ nie eine Schule besucht, kann also weder lesen noch schreiben. Bevor er auf elterlichem Nomadenland dieses Camp errichtete, kutschierte er 25 Jahre lang Touristen durchs Land. Unterdessen kutschen seine „Neffen“ in seinem kleinen Transportunternehmen. Er spielt großartig Banjo und leitet eine „Wüsten-Folk-Band“, die auch immer mal zu Festivals in Europa herumreist. Für uns unvorstellbar. Ein wirklich bewundernswerter Bursche.

Nach 6 Tagen trennen wir uns schweren Herzens. Wir haben Freunde gefunden, und ein neues „Heimatrevier“. Und wir werden wiederkommen, inshallah!

(Der Zusatz „inshallah“ gehört hier zwingend an jede Äußerung die Zukunft betreffend, sei diese nur 2 Minuten später, in einem Jahr oder in einem anderen Leben …)

 

Galerie Ouarzazate nach M’hamid:

 

Galerie Mhamid, Basiscamp:

 

Galerie Erg Chigaga, Sahara:

 

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3 Kommentare

  1. Hallo, ihr beiden Weltumsegler, seit kurzem bin ich begeisterter Leser eures phantastischem Reiseberichtes. Anke’s Bilder sind wunderschön und machen unheimlich Lust auf Urlaub.Ich wünsche euch noch ganz viele schöne Erlebnisse, immer eine handbreit Wasser unterm Kiel und kommt gesund zurück. Liebe Grüße Gudrun Grützner

  2. Hallo ihr Zwei, habe wieder mal auf eure Seite geschaut und bin begeistert, dass euch Marokko ebenso begeistert wie mich. Ihr habt ja schon einiges gesehen. Wenn es euer Zeitplan zulässt kann ich euch den Antiatlas um Tafraoute ans Herz legen. Für mich und viele Andere eine der schönsten Gegenden in Marokko. Außerdem solltet ihr unbedingt einen Abstecher nach Fes machen. Aber vielleicht habt ihr das ja längst gemacht. Ich wünsche euch noch viel Spass in diesem faszinierendem Land und eine schöne Weiterreise. Viele Grüße von Holger Nürnberger

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