Epilog. Oder: was bleibt?

Epilog. Oder: was bleibt?

 

Seit mehr als 4 Wochen haben wir wieder festen Boden unter den Füssen, zumindest physisch. Seelisch, mental und psychisch kreiseln wir noch um die Lampe. Hoffentlich hält sich dieser leicht entrückte, traumartige Zustand noch eine Weile.

Den Prolog zu diesem Reisetagebuch haben wir vor mehr als eineinhalb Jahren auf Atzes Ciboney-Seite eingestellt. Da wir tief in der „allwochenendlichen“ FreiKerl-Langfahrt-Präparation steckten, war zu diesem Zeitpunkt nur selten Zeit und Muße für die vorauseilenden Reiseträume. Insofern waren wir aber auch nicht mit Erwartungen belastet, waren nur glücklich über den pünktlichen Start mit einem fast vollständig der langen Aufgabenliste entsprechend durchgeklempnerten FreiKerl. Umso offener und empfänglicher waren nun unsere Sinne.

 

Epilog. Oder: was bleibt?

Epilog. Oder: was bleibt?

zwischen Geysir und Basar

 

Die Eckfahnen auf dem Nordostatlantik waren zwischen Island und Marokko gesteckt, also zwischen Geysir und Bazar. Bis auf Marokko werden wir uns „nur“ in Europa bewegen, nicht in den fernen, exotischen Teilen dieser Erde. Und rückblickend wissen wir, dass wir genau richtig gelegen haben mit diesem Vorhaben. Wir würden den Kurs wieder so stecken. Die gepflegte Langsamkeit unserer Reise ist nicht nur dem naturgemäßen Schneckentempo einer Langfahrtyacht (gemütliches Joggingtempo eben) geschuldet. Abgesehen von meteorologischen Zwängen waren wir in der überaus glücklichen Situation die Hafen- und Landzeiten im Wesentlichen nach unserem „Sättigungsempfinden“ zu bestimmen. Welch ein Luxus.

Trotz der Verschnauftage, die wir unterwegs tatsächlich einlegten, um die Fülle der Ereignisse sacken zu lassen und zu sortieren, helfen die Rückschauen, das Bildersichten und Nachlesen der Aufzeichnungen die Vielzahl der Erlebnisse und Begegnungen aufzuarbeiten. Wir sitzen vor dem Bildschirm und stupsen uns mit feuchten Augen an: hm, das haben wir gemacht: den Spagat zwischen Nordpolarkreis und Sahara, haben auf diesem Wege uns um unzählige Kaps mit Eddies und Rips und Overfalls gebalgt, Inseln angelaufen und umlaufen, schroffe Berge erklommen, weite Täler durchwandert und wolkenbehangene Krater umrundet, Schneebälle geworfen und Gletschereis befingert, und in entlegenen Nord-Fjorden Polarfuchs und Troll Gute Nacht gesagt. Wir haben in feinstem Wüstensand und wildem Atlantik, lieblicher Ostsee und müffelnden „hot pots“ am Polarkreis gebadet.

Epilog. Oder: was bleibt?

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Nordpolarkreis und Sahara

 

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unzählige Kaps und Inseln

 

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schroffe Berge und Krater

 

Epilog. Oder: was bleibt? Epilog. Oder: was bleibt?

Epilog. Oder: was bleibt?

Gletschereis, wilder Atlantik und hot pots

 

Wir haben uns in Sternennächten verloren, die schmerzhafte Stille der Sandwüste gespürt, uns vom Tosen der Wasserwüsten betäuben lassen und sind unter dem Polarlichter-Elfentanz verzaubert erstarrt. Schildkröten und Wale, Robben oder Delphine, Papageitaucher, Eissturmvogel oder Trottellumme, Klabautermann oder Neptun: wir fühlten uns niemals wirklich einsam auf den Wassern des Ozeans, nie wurde es langweilig. Die Sinne waren ständig wach und gefordert. Selbst bekannte Dinge und Vorgänge fühlen und sehen und hören sich in jeder Minute anders an.

 

Epilog. Oder: was bleibt?

Epilog. Oder: was bleibt?

Delphine und Wale

 

Es war im reinen Wortsinn schööön; und überraschend, zuweilen rätselhaft und herausfordernd, immer achtungsgebietend, manchmal aufrüttelnd. So nichtig und unbedeutend wir uns oft fühlten, waren wir immer dankbar für dieses Erleben. Respekt und Demut vor der Natur und Ehrfurcht vor den Elementen machen uns nicht klein, im Gegenteil. Sie machen uns zu einem Teil von ihnen. Mit Vorbehaltlosigkeit und offenen Sinnen kommt man nicht umhin festzustellen: die Mischung machts, die Vielfalt, die das Leben so bereithält, ob in Fauna und Flora, zwischen Bergen und Tälern, Völkern und Kulturen, Geschichten und Hoffnungen und nicht zuletzt auf Speiseplänen und Getränkekarten.

Die vielen kleinen und großartigen Begegnungen mit anderen neugierigen „Wasservagabunden- und Wanderern“ und Reisenden dieser bunten Welt sowie die unzähligen Kontakte mit diesen „Ausländern“ überall, ob reservierte „Isen“ oder gut gelaunte Iren, oder höfliche Azorenser, stolze Berber oder entspannte Bretonen, verdrossene Wallonen oder beflissene Germanen. Die Erinnerung an sie alle wird bleiben, und ein paar der „Urlaubs-Freundschaften“ werden den alltäglichen Unaufmerksamkeiten widerstehen und eine Fortsetzung finden.

Niemals und nirgends fühlten wir uns unwillkommen. Umso unbegreiflicher und unverständlicher nehmen wir die aktuellen Veränderungen auf unserem Planeten wahr. Wie viel Egoismus, Ignoranz, Dummheit und Eitelkeit regieren diese Welt? Als gäb `s weder ein „Morgen“ noch Verantwortung für unsere Nachfahren …

Für uns war es die perfekte Reise, die Liebe zur Segelei als Rahmen und Vehikel zum Bereisen der Länder und Regionen entlang dieser Route. FreiKerl fühlte sich in den Wellen des Nordatlantik sichtlich wohl und bot uns eine sichere und komfortable Herberge. Auch wenn es bekanntermaßen immer anders kommt als üblich oder erwartet: die Biskaya spiegelglatt und wenig Wind um Island, die Nordsee eklig und auch Irlands Westküste zum Abgewöhnen. Das ist Segeln. Auch das Unvorhersehbare kann süchtig machen. Diese 16 Monate an frischer Luft mit ständiger Bewegung waren wunderbar. Und die beiden uns am häufigsten gestellten Fragen können wir in voller Überzeugung beantworten: nein, es ist weder öde noch langweilig auf See: Nein, wir lieben uns immer noch und würden auch mit einem kleineren Schiff wieder gemeinsam losfahren. (Zu allem Überfluss waren wir durchgehend fit und gesund. Von ein paar „mechanischen Klemmern“ abgesehen hat uns nicht einmal eine Erkältung erwischt.)

Was bleibt? Hoffentlich alles. Alles voranstehend Erwähnte, 14 Länder mit 30 Inseln, 54 Häfen, aufgefädelt auf 8200 atlantische Seemeilen. Nicht zu vergessen die Stadt- und Landtouren mit Bus, Bahn, Auto oder Roller, zu Fuß, auf dem Kamel oder geradelt; die ungezählten Museumsbesuche, Konzerte und „Feiertage“…

Selbst wenn diese Tour – warum auch immer – unsere letzte dieser Art gewesen sein sollte, diese Erlebnisse und Erfahrungen leben und bleiben in uns, für immer. Doch nun? Unsere Heimkehr umhüllt uns zunehmend mit allen erfreulichen und ungeliebten Nebengeräuschen unseres „alten Lebens“. Und doch höre ich es leise flüstern: nach der Reise ist vor der Reise …

 

Epilog. Oder: was bleibt?

Ahoi

 

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