Flucht nach Süden

Endlich hat der Wind beständig auf Nord gedreht und uns die Möglichkeit eröffnet, weiter gen Süden zu fahren. Wir haben auch etwas die Nase voll vom kalten Wetter! Seit fast 8 Wochen stecken wir im Ölzeug. Wenn die Nase aus Versehen in den Kragen rutscht, wird man vom aufsteigenden Geruch daran erinnert, dass das so nicht weiter gehen kann. Daher beschließen wir nun zügig die irische Ostküste zu verlassen, zumal keine abenteuerlichen Ankerbuchten oder Fjorde mehr zu besuchen waren. Ute bekommt langsam Depressionen, da sich der Himmel in den Grautönen präsentiert, wo wir uns auf der Ostsee schon auf das Schlimmste gefasst machen. Als würden sich die Höllentore sich gleich öffnen. Aber weit gefehlt, es passiert absolut nichts. Nur fehlt das Licht und wir leiden langsam an Vitamin D – Mangel. Tägliche Schauer, Nieselregen und nie Temperaturen über 15 Grad machen uns den Abschied nicht unbedingt schwerer. Allerdings sind die Iren so beeindruckend freundlich und hilfsbereit, dass man gleich das Gefühl hat adoptiert zu werden. Klasse! Die landschaftlich beeindruckende Westküste haben wir leider nicht gesehen. Das  wird nachgeholt! Schottland ist ebenso immer eine Reise wert und wir erklären das Gebiet zum Heimatrevier!

Nachdem wir in Dublin die Leinen losgeworfen haben, erreichen wir nach einigen Zwischenstopps Kilmore – am Südende Ostirlands – unseren Absprunghafen auf die Scilly Islands. In Kilmore gibt es eine kleine Marina innerhalb eines Fischereihafens, welcher durch Tide und Strömung schlecht erreichbar ist. Unser Kartenmaterial und der Revierführer beraten uns mit gegensätzlichen Aussagen. Im Revierführer steht, dass der Hafen 24 Stunden erreichbar ist, aus den Karten und aus Navionics geht hervor, dass der Hafen trocken fällt, also bei Ebbe kein Wasser hat. Wir kommen bei Ebbe an. Bei kabbeligem Wasser kämpfen wir uns über eine Untiefe und tasten uns langsam an die Hafeneinfahrt heran. Der Revierführer behält Recht und wir haben noch 90 cm unter dem Kiel als wir zwischen den Molenköpfen stehen. Die Marina ist rappelvoll und ein freundlicher Ire bedeutet uns, dass am Ende der Boxengasse noch eine Box frei sein. Da Freikerl eigentlich nicht koordiniert rückwärtsfahren kann, ist der Liegeplatz die Hölle für den Skipper, denn wieder heraus kommt man nur mit Leineneinsatz und der ständigen Gefahr kapitalen Schaden anzurichten. Aber nach über 50 sm und einer unruhigen Nacht davor, sind wir froh noch einen Platz bekommen zu haben. Der Hafenmeister ist nett und ruft für uns Weihnachten aus, weshalb er Freikerl einen Meter kürzer macht und uns die Benutzung des Wäschetrockners schenkt. Wir bezahlen auch gleich für 2 Nächte, um dann am Abend doch noch zu beschließen, am nächsten Tag weiter zu fahren. Weihnachten währte jedoch nur einen Tag, denn er macht keine Anstalten, uns die 2. Nacht zurück zu erstatten. Egal, dafür müssen wir ja in der nächsten Nacht nichts bezahlen, da sind wir ja auf See… . Kilmore ist scheinbar ein Angelhotspot, denn ständig werden Angelboote zu Wasser gelassen oder kommen Angler in den Hafen gefahren. Diese werden dann von Robben und Seehunden begleitet, die im Hafen einige Fische zu fressen bekommen. Sehr zur Freude der umstehenden Touristen oder Segler aus Leipzig. Diese Tiere sind immer wieder ein witziger Anblick und man kann sich nicht vorstellen, dass sie schnelle und gefährliche Räuber sind. Im Übrigen haben wir bei unseren einzelnen Streckentörns jeden Tag Seehunde, Robben und Delfine gesehen. Auch große Tümmler haben sich schon mal gezeigt. Mit dem Mittagshochwasser brechen wir mit einem fulminanten Hafenmanöver zu den Scilly Islands auf und stellen fest, dass unsere Energieversorgung zusammen bricht. Bisher hatten wir damit überhaupt keine Probleme. Selbst bei bedecktem Himmel haben die Solarzelle und der Windgenerator genug Strom für den Kühlschrank und die Navigationsinstrumente geliefert. Jetzt jedoch liefert auch die Lichtmaschine fast keinen Strom mehr. Endlich mal wieder eine neue Baustelle!

Auf unserer Fahrt wurden wir von mehreren Delfinschulen begleitet. Gruppen von 10 Tieren tummeln sich lange vor unserem Bug, sind gesprungen und haben sich auf die Seite gelegt, um uns besser betrachten zu können. Das Wasser ist so klar, dass wir sie auch noch in mehreren Metern Wassertiefe gut sehen konnten. Delfine sind besondere Tiere. Sie scheinen mit uns zu kommunizieren und zu spielen.

Die Nachtfahrt verläuft bei ruhiger See, angenehmen Wind und erstaunlichem Sternenhimmel. Nur geht unser Kurs leider direkt durch einen Fischgrund und unser AIS zeigt uns 14 Fischerboote an, die in wirren Kursen und unterschiedlichen Geschwindigkeiten über den Plotter taumeln. Es ist so, als wenn man als Waldspaziergänger in eine Treibjagd geraten ist. Jedoch können wir entrinnen, auch wenn das nur mit Suchscheinwerfer und dem Anleuchten unseres Segels möglich ist. Am späten Nachmittag erreichen wir St. Mary Harbour auf den Scillys. Eine wunderbare Insellandschaft mit kargen und bewaldeten Inseln, Sandstränden und türkisen Wasser tut sich vor uns auf.

Ich reiße die Bodenbretter hoch und prüfe sämtliche Batterien, Kabelanschlüsse, telefoniere mit den Telefonjokern und finde keine Erklärung für den Fehler. Dazu kommt, dass mein Wissen über Elektrik und Elektronik dem eines Einzellers entspricht und selbst Ute dieses Entwicklungsstadium noch nicht erreicht hat. An der Mooringtonne für 25 britische Pfund ist leider kein Landstrom zu haben und wir haben noch eine Nachtfahrt vor uns. Komischer Weise lädt die Lichtmaschine die Batterien bis maximal 12 Volt, die dann schnell auf 11,7 Volt abfallen. Warum lädt die Solarzelle nicht??? Elektrik – Atze`s großes Mysterium! So beschließen wir die Trauminseln wieder zu verlassen ohne eine Fuß an Land gesetzt zu haben,  um zügig nach Brest zu fahren, wo wir einen Fachmann mit der Reparatur betrauen können. Jedoch wollen wir den Besuch der Inseln im nächsten Jahr nachholen. Versprochen!

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2 Kommentare

  1. Atze, herrlich zu lesen eure Geschichten, wenn sie nicht doch immer mit einem ernsten Hintergrund geschrieben sind. Ich bin mit einem lachenden und mit einem ernsten Auge bei euch und wünsche weiterhin alles Gute und immer eine Handbreit! Viele Grüße Jens

  2. Ihr lieben. Vielen Dank für eure Postkarte. Auch ich lese immer wieder gespannt und mitfiebernd eure Berichte und begebe mich im Geiste auf eine Reise. Das macht Spaß und holt einen immer mal wieder aus dem Alltag hier heraus. Danke für das teilhaben lassen. Liebste Grüße.
    Livia und Chris

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