Costa de la Muerte

Endlich waren die Wellen draußen von 4 auf etwa 2 bis 2,5 m gesunken und der Wind stand nicht mehr aus West. Was nun noch vom Wind übrig war, reichte leider nicht zum Segeln. Insofern schob uns der Motor bis nach Camarinas, der ersten Station unserer geplanten Ria-Hopping-Tour auf dem Wege Richtung Portugal. Diese spanischen Nordwestbuchten sind vergleichsweise einsam und untouristisch und ungeschäftig. Bis auf die Fischer mit vielen kleinen Booten und ein paar größere, die die Muschelfarmen betreuen, bestimmen herrliche Sandstrände in den vielen kleinen innenliegenden Buchten die Gegend, und manchmal gehört noch eine kleine, scheinbar verschlafene Ansiedlung dazu.

Ria de Camarinas

Am Ankerplatz treffen wir außer der Piccolina-Crew noch weitere 7 Boote wieder, die wir bereits aus A Coruna kennen. Klassentreffen sozusagen. Jedoch haben es alle eiliger als wir, weiter zu kommen, nur Steffi und Rolf sind ähnlich entspannt unterwegs wie wir. Wir verabreden einen spontanen Grillnachmittag an einem idyllischen Plätzchen im schattigen duftenden Pinienhain am einsamen weißen Bilderbuchstrand. Zur willkommenen Abwechslung gibt es Fleisch, dass Bruder und Schwester aus dem Ländle frisch vom Schlachter erstanden haben! Wir steuern Salat, Pimientos de Padron, Ziegenfrischkäse mit gerösteten Sonnenblumenkernen und kühle Getränke bei. Alles schmeckt köstlich, und bald kommen wir – trotz aller Zeitverlorenheit drauf, dass ja heute der 3. Oktober ist und beschließen, dem historischen Anlass gerecht zu werden und setzen die Einheits-Feierlichkeiten erfolgreich und angemessen an Bord bis in die Morgenstunden fort, was zur Folge hat, dass die beiden „Einheitsboote“ die schöne Ria nächsten Tags als letzte verlassen. (Um genau zu sein, wir noch 2 Stunden nach der Piccolina …)

 

Costa de la Muerte

Blick vom Grillplatz

 

Heute galt es, wieder mal ein berüchtigtes Kap, das Kap Finisterre zu runden, die oft windige Ecke an der Costa de la Muerte (der Küste des Todes), zwischen Nord – und Westküste Spaniens. Um es vorwegzunehmen: wir haben überlebt, haben kein weiteres Wrack dem stattlichen Schiffsfriedhof hinzugefügt; unser „Kap-Glück“ hielt an. Bei bestem Segelwind rauschten wir um ums Eck, exakt bis an die Kapspitze, an der der Klabautermann den Stecker der Windmaschine zog. Schlagartig hingen die Segel schlaff und schlagend und wieder mal blieb uns nur, den Flautenschieber zu bemühen, um die nächste Bucht zu erreichen.

Ria de Corcubion

Hier in der Sardinero, einer der inneren Corcubionbuchten kamen wir den Südseeträumen recht nahe. Sandstrandbuchten reihten sich an einander, Wasser glasklar und einladend, dahinter immer noch grün bewaldete Hügelketten, ab und an ein paar Häuser, Café und Bar immer gut erreichbar. Wie sagt Kollege Rolf immer, von der Caféterrasse unterm Sonnenschirm, ein Gläschen Albarino (typischer galicischer Weißwein) in der Hand und zufrieden lächelnd zu seinem vor Anker schwoienden Boot blinzelnd: „this is, what I call sailing“.

Jawohl, so ist es.

 

Costa de la Muerte

Ankerplatz Sardiniero

 

Das vorherrschende Hochdruckgebiet (oder sind es mehrere?) scheint unerschöpflich, es bleibt sonnig und warm. Wir ergeben uns und geben uns dem bestens aufgelegten Wettergott hin: spazieren, sonnen, (seltener) baden, Einkehr hier und da (bei den Preisen und der Güte der galicischen Gerichte lohnt es sich wahrlich nicht, zu kochen, Kaffee (1,00 – 1,20 €) und Wein (1,00 – 2,00 €) sind ohnehin besser als an Bord, bummeln, lesen, lieben. Und das ganze wiederholt sich in verschiedenen Variationen von Bucht zu Bucht, ohne dass sich Verdruss einstellt. Und ohne schlechtes Gewissen. Oh mein Gott. Wie sollen wir davon wieder runterkommen.

 

Costa de la Muerte

Häfchen von O Pindo

 

Um unser Gewissen doch noch etwas aufzupolieren, legen wir um vor den winzigen Ort Puerto Pindo, schlüpfen in die Wanderschuhe, schnüren das Ränzl und wollen auf den Monte Pindo, auch „keltischer Olymp“ genannt, und mit 630 m einer der höchsten Gipfel der küstensäumenden Gebirge Galiciens. Die Aktion entpuppt sich überraschend als kleine Herausforderung, denn es geht bei knapp 30 ° C auf den – vor 3 Jahren auf Grund eines ausgedehnten Waldbrandes seiner letzten Bäume beraubten – Gipfel. Auch heute ist es knastertrocken, die Felsen haben die Hitze gespeichert und werfen sie wie Kachelöfen zurück. An den wenigen verbliebenen, krüppeligen Pinien platzen deutlich vernehmbar knackend die Zapfen auf und streuen ihre Samen aus. Es ist überwiegend sehr steil und grobsteinig, eben ein „roter“ Weg, also mittelschwer. Die Felsformationen sind bizarr und „figuresk“ und sehr beeindruckend. Nach 2 Stunden sind wir oben, und ziemlich platt. Auf den letzten Aufstiegsmetern begann das linke Skipperknie verstärkt altersgerechte Behandlung einzufordern und behielt sich für den Fall der Missachtung zumindest Funktionseinschränkungen vor.

Den Gipfel bildet eine großflächige glatte runde Kuppe, in die sich unzählige Mulden und kleine Gumpen eingeschliffen haben. Wegen der langen Trockenheit steht kein Wasser mehr darin, in denen wir uns ansonsten hätten erfrischen und die heißen Knie kühlen können. Während wir durchatmen, uns darüber freuen, dass sich jeder Meter gelohnt hat für den sich uns bietenden grandiosen Ausblick auf die umgebenden Bergketten, die angrenzenden Rias und Küstenstreifen, steigt eine absurde Erscheinung durch die Felsen zu uns auf die Gipfelkuppe empor. Die Erscheinung ist männlich, mit freiem, durchtrainiertem Oberkörper und trägt außer langen Trainingshosen, wie sie bevorzugt in russischen Schlafwagen getragen werden, ein ausgewachsenes Mountainbike auf der Schulter. Nach dem wir unsere Sprache wiedergefunden haben, erfahren wir, dass er aus dem Nachbardorf kommt, immer mal auf den Pindo steigt, um mit dem Rad den Weg, den wir gerade mühsam von Stein zu Stein kletternd erklommen haben, hinabzufahren. Pause. Dazu fällt uns nix mehr ein.

 

Costa de la Muerte

Blick vom Gipfel des Monte Pindo auf Kap Finisterre

 

Der Abstieg war knallhart, zumal sich das rechte Knie unterdessen mit dem linken solidarisierte, und die Skipperin und ich gemeinsam die beiden nur mit listigen Durchhalteparolen und vollmundigen Pflegeversprechen für die kommenden Tage bis zum Fuße des Olymp-Berges wieder 630 m steil abwärts bewegen konnten. (Faszinierend waren die frischen Fahrradspuren, die immer mal auf erdigen Abschnitten sichtbar waren.) Seebeine sind offenbar keine Landbeine (mehr). Eine kalte Stranddusche brachte dann soviel Erfrischung in unsere erschöpften Seglerkörper, dass wir es ohne Hilfe bis in die nächste Bodega schafften. In der übernächsten Bodega, vor der unser Dinghi am Hafen wartete, fand dann der Tag seinen eigentlichen Höhepunkt. Eigentlich wollten wir lediglich unseren desolaten Flüssigkeitshaushalt weiter ausgleichen. Bis Manolo kam. Manolo war neugierig und redselig und freute sich über die Abwechslung, ein paar fremde Gesichter in der kleinen Hafenkneipe zu sehen. Manolo hatte zwar früher mal 3 Jahre in den USA verbracht, aber sich auch 3 Jahre erfolgreich dagegen gewehrt auch nur ein Wort der englischen Sprache zu erlernen. Das war mit fortschreitendem Abend auch zunehmend überflüssiger. Je schneller er spanisch (oder galicisch?) auf uns einredete, umso besser glaubten wir zu verstehen, was er meinte. Alle Wahrnehmungen verhielten sich direkt proportional zur Anzahl der eingenommenen Estrellas oder Vinos de Casa. Zwischenzeitlich verschwand Manolo, wild gestikulierend, kurz nach Hause um uns eine kulinarische Meeresspezialität zu holen. Wir waren sehr gespannt und wollten es nicht glauben: nach weniger als den 10 angekündigten Minuten war Manolo tatsächlich zurück und drückte uns eine Tüte Navajas, lt. Wikipedia „schwertförmige Scheidenmuscheln“, kurz: Schwertmuscheln, in die Hand. Für den Argwohn, nun wird er uns mit unverhältnismäßiger Entlohnung konfrontieren, schäme ich mich noch heute. Nichts wollte er dafür, aber das eine oder andere frisch Gezapfte im eisgekühlten Glas aus der Langnese-Eistruhe schlug er nicht aus, und ich auch nicht. Er wollte uns lediglich eine Freude machen, in der Überzeugung, in dieser Bucht hier gäbe es die besten Navajas Spaniens und die müssten wir unbedingt kosten. Wie der Abend weiterging, kann man sich nun unschwer ausmalen. Letztlich trug Manolo noch unser Dinghi mit ins Wasser, umarmte uns 10mal, küsste ausgiebig die Skipperin, half ihr galant ins Boot und erinnerte uns nochmals an die erforderliche Zubereitungsweise dieser Muscheln: als erstes stehend im Bündel 3 h in Meerwasser spülen lassen …

 

Costa de la Muerte

Verbrüderung mit Manolo

 

Da wir mit keinem Gedanken damit gerechnet hatten im Dunkeln und nicht mehr vollständig fahrtauglich zurückzukehren, hatten wir weder ein Ankerlicht an, noch eine Lampe dabei. Aber die Skipperine brachte uns und unsere Beute sicher durchs dichte Bojenfeld der unzähligen, verstreuten Fischerboote zum FreiKerl zurück. Ein Tag zum niemals vergessen.

Ria de Muros y Noia

Im nächsten Ria, welch ein Zufall, fällt unser Anker neben einer deutschen Yacht namens Piccolina. So hatten wir glücklicherweise Hilfe beim Verzehr von Manolos großem Packen Schwertmuscheln. Und sie waren wirklich hervorragend. Nochmals danke Manolo! Erfreulich war das Wiedersehen auch insofern, als Rolf unser Dinghi-Taxi spielte, da die Schraube unseres Dinghimotors bei der Heimfahrt vom „deutschen Einheitsgrillen“ an einer Flachstelle mit Sand Grundberührung hatte, wobei die Sollbruchstelle zum Schutz des Antriebes einen guten Job machte. Kurz gesagt, das Ding fuhr nicht mehr, aber in der Nähe fand sich eine Werkstatt, die den Propeller über Nacht in Stand setzte. Während die Piccolina tags drauf nach Portosin auf die andere Buchtseite fuhr um dort Familienbesuch in Empfang zu nehmen, zogen wir in die Nordspitze der Ria nach Noia, das mit dem Untertitel “kleines Florenz“ auf sich aufmerksam machte. Noia war zwar ganz hübsch, was es mit Florenz zu tun haben könnte, erschloss sich uns jedoch nicht. Den hübschen einsamen Ankerplatz mussten wir leider nach einem Tag wieder räumen, da Orkan „Ophelia“ im Anmarsch war und ein Schlenker über die Küste hier angedroht war. In der nahen Marina von Portosin würden wir sicher liegen, Wäsche und auch uns waschen können, Wasser bunkern, Vorräte auffüllen und das Boot duschen können. Eine wichtige Arbeit am Dinghi wartete schon ewig auf Erledigung: die Montage von klappbaren Rädern am Heckspiegel, damit uns die Dinghischlepperei an Land endlich erspart bleibt. Bei 3 m Tidenhub können an flachen Stränden schnell 100 m Strecke zusammenkommen, wenn man bei Hochwasser landet und Niedrigwasser bei der Abfahrt herrscht.

 

Costa de la Muerte

Muschelfischerbootgewimmel vor Noia

 

Ria de Arousa

Die Arousa ist die größte Bucht, mit vielen Muschelfarmen und geschäftigen Fischerdörfern und Kleinstädten, sowie etlichen Ferienhaussiedlungen, die natürlich derzeit alle verlassen sind. Außer von Cambados, der Weinhochburg des Albarino-Weins gibt’s aus der Arousa nicht viel Aufregendes zu berichten. Der letzte der 4 Orte, die wir in dieser Bucht besucht haben ist Ribeira, von wo wir einen wunderbaren Ausflug über die Hügel nach Corrubedo unternahmen. Der dortige Naturparkt mit einer 20 m hohen Wanderdüne liegt hinter einem unbeschreiblich schönen, blitzsauberen, kilometerlangen Strand. Viel mehr als diese Düne imponierte uns dieser Traumstrand, der sich extrem flach ins Meer zieht und auf den sich die schwere Atlantikdünung schon weit draußen mit beeindruckender Wucht stürzt. In 5 Reihen überschlagen sich die Brecher und drücken die Wassermassen mit Gewalt und Gebrüll auf den fast ebenen, weiten, feinen Sand, auf dem immer ein paar Zentimeter Wasserfilm, wie ein endloser Spiegel stehen bleibt. Es liegt hier kilometerlang kein Tang, kein Strandgut, nur ganz vereinzelt Muscheln. Der Strand ist nicht sauber, sondern rein. Während des etwa 3 h langen Strandgangs begegnen uns 5 Menschen, einem weiteren begegnen wir, einem einsamen Angler, der wie in der Wüste verloren dort steht, mit einem schweren Sternblei den Köder weit hinaus in Brandung wirft und uns stolz seinen Fang zeigt: 3 armlange Barsche (?).

Wir fragen uns, warum gibt es weder im Reiseführer noch im Revierführer unter Corrubedo einen Hinweis auf diesen so einfachen und unglaublich schönen Streifen Natur.

 

Costa de la Muerte

Traumstrand von Corrubedo

 

Ganz beseelt von unserem Stranderlebnis sitzen wir abends in der Plicht, wundern noch etwas herum, und beschließen, die erforderliche Besuchs.-bzw. Ankererlaubnis für die nächste Nacht vor der vorgelagerten Naturschutzinsel Isla de Salvora zu bestellen. Also morgen geht’s raus aus der Arousa.

 

Galerie Ria des Camarinas:

 

Galerie Ria de Corcubion:

 

Galerie O Pindo:

 

Galerie Ria de Muros y Noia:

 

Galerie Ria des Arousa:

 

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5 Kommentare

  1. Wer war Bradomin? Marqués de Bradomín, Ihr Lieben, ist eine Figur des spanischen Schriftstellers Ramón María del Valle-Inclán (* 28. Oktober 1866 in Vilanova de Arousa, Galicien; † 5. Januar 1936 in Santiago de Compostela), der als Erfinder der literarischen Gattung des „Esperpento“, ein dramatisches Genre bizarr-bösartiger Schockstücke gilt — hört sich doch nach Kettensäge an, oder? Bradomino war wohl eine Art später Casanova und offenbar das alter ego des Autors. Und tatsächlich sieht dieser dem Abbild etwas ähnlich (mit runder Brille). So, und das alles nicht etwa aus dem Ärmel, sondern Internetz. Einfach mal ein Fragezeichen einstreuen – funktioniert immer bei mir (anerkannte Berufskrankheit).

    Ansonsten ist es wunderbar euch zuzusehen, beim Wohlfühlen und Glücklichsein. „Lasst es Euch gut gehen“ mag man da schon gar nicht mehr schreiben. Liebe Grüße auch von Christine, Jens

  2. Hallo Ihr Lieben,
    haben Eure wilde Segeltour verfolgt, freuen uns für Euch über die vielen gemeinsamen Erlebnisse zu Wasser und auf dem Lande. Die Fotos sind traumhaft schön !!! Auch eure Reisebeschreibungen sind sehr anschaulich und detailliert, verraten literarische Qualitäten. Ich denke eine bessere Bewährungsprobe für eine Partnerschaft kann ich mir kaum vorstellen. Solche gemeinsamen Erlebnisse schweißen zusammen.
    Lasst es Euch weiterhin gutgehen und passt aufeinander auf !

    Alles Liebe und bis hoffentlich bald

    Magdalena und Harry

  3. Liebe Seefahrer, Ihr seid zu beneiden. Wie schön also, dass ihr das alles macht! Ich schreibe am Ende eines vom Licht her an eine U-Boot-Fahrt erinnernden Wochenendes und bin angesichts eurer Bilder schon platt, wie anders es ein paar Kilometer weiter aussieht. Kommendes Wochenende werden wir übrigens mal den kleinen Bruder und die Schwägerin heimsuchen, die den Kamin anmachen wollen(!). Wir wünschen euch, dass es so schön weitergehen möge. Seid auf die Ferne, aber nicht minder herzlich umarmt von Hannes und Friederike

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