Alles hat ein Ende!

War`s das jetzt? Die letzten 6 Monate verflogen wie im Wind – zu schnell. Wir fallen in ein Loch und können noch gar nicht richtig damit umgehen wieder zu Hause zu sein und haben Mühe uns mit unsren unzähligen Erinnerungen und Eindrücken im Hier und Jetzt zurecht zu finden. Noch fühlt sich alles unwirklich an. Auch wenn wir uns sehr auf die Heimkehr gefreut haben, wollen wir dennoch nicht, dass die Reise vorüber ist, und finden einen Ausweg, um der nahenden Alltagsrealität zu entkommen – wenigsten noch 2 Wochen.

Leidlich motiviert machen wir uns daran unser schwimmendes und plätscherndes Heim zu leeren und alle Klamotten und Ausrüstungs-gegenstände, die den Winter nicht gut an Bord überstehen oder in der nächsten Saison nicht benötigt werden, von Bord zu räumen. Unzählige Taschen, Kisten mit Büchern und restlichen Vorräten, Beutel, Säcke etc. wandern in unser Auto. 

Wir hatten unser Auto in den vergangenen 6 Monaten in einer leeren Bootshalle unserer Marina stehen lassen und wie sich herausstellte als kostenlose Wohnung für eine Marderfamilie zur Verfügung gestellt. Beim morgendlichen Ausflug zum Frühstück beim Bäcker unseres Vertrauens leuchtet uns eine Kontrollleuchte an und das Beschleunigungsverhalten der Kalesche ist sehr verhalten. Für mich kein Grund die Motorhaube zu öffnen und nachzusehen, da ich mir das deprimierende Erlebnis der Vorführung meiner Ahnungslosigkeit ersparen möchte. Ich bin Meister im Ignorieren solcher Informationen. Jedoch motiviert mich Ute am nächsten Tag, doch mal einen Blick in den Motorraum zu werfen. Da war die Laune gänzlich dahin! Die schicken Dämmmatten rund um den Stuttgarter Stern lagen zernagt und vermengt mit Vogelfedern, Gewölle und Exkrementen auf dem Motorblock, zwischen den Kabeln und Leitungen. Ein Gestank zum Himmel! Wir rüsten uns mit Handschuhen, FFP2-Masken, Staubsauger, Kehrblech, Pinsel, Lappen, Eimer, etc. aus und rücken der Schweinerei zu Leibe. Zum Schluss haben wir noch mit Druckluft den Motorraum ausgeblasen und sogar das durchgebissene Kabel gefunden. Der Sonntagnachmittag war gelaufen. Ausgerüstet mit Vorurteilen über Autohäuser und voller Pessimismus machen wir uns am nächsten Montagmorgen auf den Weg zur örtlichen Sternewerkstatt. Freundlich versucht uns die Mitarbeiterin dazu zu überreden das Auto zur Fehlersuche bis zum nächsten Tag dort zu lassen. Jedoch hatten wir den mutmaßlichen Fehler schon freigelegt und darauf hingewiesen, dass wir nach 6-monatiger Ruhelosigkeit nun auf dem Weg ins 450 km entfernte heimische Leipzig sind. Mitleidig versprach sie, nochmals in der Werkstatt zu fragen, ob ein Mitarbeiter seinen hoch bezahlten Blick unter die Motorhaube werfen könne. Nach 25 Minuten drückt uns der bärtige Meister den Schlüssel mit den Worten „provisorisch repariert, gute Fahrt!“ in die Hand und verschwindet. Freudig unseren Dank hinterherrufend gehen wir zur Kasse, um die bestimmt 150 € für das geflickte Kabel abzuliefern, aber auch hier Überraschung: nix Bezahlung – kostenlose Reparatur! (natürlich auch ohne Gewährleistung, da jetzt kein unversehrtes Mercedes-Original-Qualitätskabel aus China seinen Dienst verrichtet, sondern von einem deutschen Handwerksmeister abisoliert, nachgesetzt und neu im Stecker eingeschraubt wurde)! So trollen wir uns voll guter Laune, mit angekratzten Vorurteilen und einem wieder kraftvoll davonspurtenden Wagen. Der Klabautermann hat immer ein Ass im Ärmel! 

Schnell sind die restlichen Sachen von Bord geräumt und wir machen uns auf in das Resozialisierungslager südöstlich von Berlin, wo die Familie ein kleines Häuschen am See, als Rückzugsort bewirtschaftet. Auch hier kein Strom und Wasser aus Wand, die Schwengelpumpe steht vor der Tür und spendet Wasser, und Solarzellen sorgen für Licht sowie ggf. Lademöglichkeit für das Telefon. Der Funkkanal ist dürftig und vom Wetter abhängig. Das Badezimmer ist der 50m entfernte See. Ein Sprung ins kalte Wasser wird durch eine kleine Sauna erleichtert. Also einer der schönsten Orte der Welt!! Also widmen wir uns den lebenserhaltenden Maßnahmen. Machen Holz für den Winter, sammeln Unmengen Pilze, die getrocknet oder eingelegt und eingekocht werden, nutzen das Dobra-Spa, lesen und wehren uns gegen die Einsicht, dass die faulen und ungeplanten Tage gezählt sind und in gut 10 Tagen der Alltag uns wieder in seine Arme nehmen wird.

Dabei erzählen wir uns immer wieder gegenseitig von unseren Erlebnissen und fragen: Wo war es am schönsten? Was hat uns am meisten beeindruckt? Haben uns Temperatur und Wetter zugesetzt? Haben wir etwas vermisst? Machen wir das noch einmal? Ja, immer wieder! Jede Landschaft und alle Inseln haben eigene Reize und Eigenartigkeiten. An Wind, Wetter und Feuchtigkeit haben wir uns schnell gewöhnt. Wirklich vermisst haben wir nur Familie, Freunde und manchmal eine Bratwurst. Am nachhaltigsten beeindruckte uns, dass die Menschen auf der ganzen Reise hilfsbereit, zugewandt, interessiert und freundlich waren. Je weiter wir nach Norden kamen, um so bemerkenswerter und eindrücklicher waren diese Begegnungen. In Schottland haben wir uns am wenigsten fremd gefühlt, was vermutlich auch daran lag, dass uns das Englische wesentlich näher ist als Dänisch oder Norwegisch. In Seglerkreisen heißt es „Home ist, where the anchor drops“. Das stimmt, aber heimatliche Gefühle haben wir trotzdem. Die Heimat ist für uns in Leipzig, bei der Familie und unseren Freunden. Wir reisen, um zu erleben und zurückzukehren.

Bei dieser Reise waren wir langsam unterwegs und haben insgesamt nur 2428 sm (4496 km) in 5,5 Monaten zurückgelegt. (Vergleich Atlantikrunde 2015/16, 14.000 sm (25928 km) in 13 Monaten) Da war genügend Zeit für mich 13 Bücher zu lesen, die allesamt bemerkenswert gut waren. Nur 1 Werk wollte ich wütend den Fischen zum Fraß vorwerfen, da ich es für enttäuschend und unlesbar halte – Clemens Meyer: „Die Projektoren“. Nach 100 Seiten habe ich aufgegeben meine Zeit mit dem delirenden Geschreibsel zu verderben. Schade, ich hatte bisher eine hohe Meinung vom Autor. Ute hat von den Airpods vergrößerte Ohrmuscheln beim Hören der vielen Hörbücher bekommen. Außerdem haben die vielen Krimis bei ihr Spuren hinterlassen. Selbst am Ankerplatz hat sie nachts die Niedergangstür abgeschlossen… Filme haben wir wenig gesehen, unsere Leinwand hatten wir immer außerhalb des Boots vor Augen. Aber wenn, dann versuchten wir Filme mit örtlichem Bezug zu finden. Zum Beispiel: Shetland Krimis auf den Shetlands, James Bond in Schottland oder Olsenbande in Jütland (welch ein Klamauk). Wir haben tausende Fotos gemacht, die nun an kalten Winterabenden sortiert werden müssen. Eine freudige Tätigkeit, um die Reise erneut gedanklich nachzuerleben.

Ois hot a End! (wie der Wiener sagt) Aber alles hat auch einen Anfang! Darauf freuen wir uns schon jetzt! Auch wenn es noch keine spruchreifen Pläne gibt, werden wir zu gegebener Zeit darüber berichten.

1 Kommentar

  1. Hallo, ihr Lieben, schön, dass ihr wieder da seid! Ich staune ja ein bisschen, dass ihr noch einen Zwischenaufenthalt in der Datscha eingelegt habt, doch ihr werdet wissen, warum. Aber Leipzig ist garantiert schöner!! Bratet euch keine Pantherpilze, wünscht sich
    Hannes

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