18 Inselchen im Nordatlantik

18 Inselchen im Nordatlantik

Was macht der Skandinavier im Sommer? Wie wir bereits wissen: Festival! „Voxbotn“! Diesmal liegen wir zwischen 2 Bühnen. Seit 15:00 lässt der Schalldruck der gewaltigen Bässe unsere FreiKerl-Alubüchse dröhnen und das Geschnarre unserer Türen und Bodenbretter nervt. Von möglicher Unterhaltung ganz zu schweigen.

Wer soll sich dabei konzentrieren und an die Unmenge an Impressionen und Erlebnissen erinnern, und diese noch lesbar festhalten?

 

Also: nach dem Grind:

Etwas geschlaucht vom Erlebten sitzen wir abends auf dem Steg und treffen uns mit Tristan, einem jungen Amerikaner, mit dem wir uns auf ein Glas Wein verabredet hatten, worauf wir offen gestanden nach diesem Grind-Nachmittag keine rechte Lust mehr hatten. Der Bursche, der lediglich mit Schönwetterausrüstung unterwegs und noch nie gesegelt war wollte bei uns für die Überfahrt nach Island anheuern, und wir mussten ihm schonend beibringen, dass daraus nix werden kann. Aber wie es so ist, man sitzt und schwatzt, aus dem Glas werden 2 Flaschen. Dann gesellt sich Gus, ein holländischer Einhandsegler, der seit mehr als 3 Jahren „einmal rund“ mit seiner Contest 43 unterwegs ist, hinzu. Er hatte das „warm-up“, für das er in den Jahren allein, vor allem in den 40ern und 50ern Süd, eine gewisse Routine entwickelt hatte, bereits absolviert. Insofern waren wir alle auf ähnlichem Level und hatten keinerlei Verständigungsprobleme. Gus, ein Salzbuckel wie aus dem Seglerbilderbuch, trug seine überwiegend unvorstellbaren Erlebnisse, vor allem aus der Antarktis, Südpolarmeer und bereits erwähnten südlichen Breiten, zugegebenermaßen mit schwerer Zunge, jedoch so lebhaft und glaubwürdig vor, gebettet in ein Minenspiel zwischen Todesangst und Siegerlächeln, vor, dass wir sehr bedauerten irgendwann ein Ende finden zu müssen. Wir waren nicht mehr aufnahmefähig, der Dampf war gegen 4 komplett raus. Die Eindrücke und Erfahrungen unseres ersten Färöer Tages hätten wir getrost auf 3 strecken können. Hinzu beschleicht mich ein vorauseilender Ärger: ich werde dies alles nicht in Worte fassen können, und selbst wenn, soviel Zeit lässt sich gar nicht erübrigen. Insofern hoffe ich, dass Ankes Fotos helfen, das Erlebte zu illustrieren und die Erinnerungen wach zu halten.

Die Färöer Inseln hatten uns mit offenen Armen eingeladen und erfolgreich in ihren Bann gezogen. Nach der ersten Wanderung über den nächstgelegenen Berg war uns klar, hier werden wir Zeit brauchen. Die Landschaft (alle 18 Inseln vulkanischen Ursprungs, alle bergig mit meist steilen Küsten, ohne Ebenen, bis knapp 900 m hoch) ist atemraubend, die Menschen entgegenkommend, hilfsbereit und neugierig. Die Färöer lediglich als Transitstation zu betrachten wird ihnen nicht im Ansatz gerecht.

 

 

18 Inselchen im Nordatlantik

 

Wind ist, wenn das Schaf keine Locken hat!

Die Bedingungen für einen unvergesslichen Urlaub hier sind perfekt, der Nahverkehr zwischen den Inseln ist mit Bussen, Fähren und Helikoptern einfach, preiswert und logisch aufeinander abgestimmt, womit auch der letzte Inselzipfel erreichbar ist. Für Wanderer und Freunde der puren Natur ein Paradies. Allerdings muss man auf Grund der rasanten Wetterumschwünge gut präpariert sein. Stecken die Gipfel nicht gerade in einem Wolkenkissen, wird jeder Aufstieg mit unfassbaren Blicken auf die Nachbarinseln belohnt und lädt zu deren Besuch ein. Wie zerschlissenes Billardtuch ziehen sich die Wiesen in sattem Grün faltig und mit Rissen über die Hänge, unterbrochen von Gesteinsrippen, die sich durch die grünen Wiesenteppiche drängen, wie aufgeplatzt. 100e Wasserfälle und Kaskaden schneiden Kerben in die waagerechten Bergstrukturen. Da die Erdschichten über dem Gestein nicht dicker als 1 m sind und der Wind in der Tat meist heftig und druckvoll auf die Berge prallt, weigern sich Bäume und auch Büsche, hier Fuß zu fassen. In wenigen kleinen Buchten gibt es eine schlichte weiße Kirche, ein paar typische, meist schwarze Häuser mit roten Fenstern und Grasdächern auf Birkenrinde, (auf den gesamten Färöern gibt es vermutlich keine 200 Bäume in ein paar geschützten Senken, aber erst recht keine Birken. Die Rinde müssen schon die ollen Wikinger importiert haben.), sowie ein Häfchen für die Fischer. Hier kann man das Ende der Welt auf jeder Insel mehrfach erreichen, und dann sitzt dort vor einem von vier Häuschen ein Opa und bietet Kaffee und frische Waffeln mit selbst gemachter Konfitüre und Schlagsahne an, und zeigt zum Abschied stolz das frische Walfleisch, die hinterm Haus in Socken zum Trocknen hängt. Offenbar hat ein Grind auch den Weg hierher gefunden.

Wind und Wetter bestimmen nachvollziehbarer Weise den Alltag der Färöer. Es ist an der Tagesordnung, dass wetterbedingt eine Fähre nicht geht oder der Heli nicht abhebt. So bekommt man auf Nachfragen zu Fahrzeiten oft nur Angaben unter Vorbehalt: may be, that …, was den Färösen zum Spitznamen „the Maybe’s“ verhalf.

Zwangsläufig ergibt sich am Gästesteg, dass wir uns mit Ecki und Frank anfreunden, die wir auch schon auf den Shetlands im Nachbarbecken liegen sahen. Die Chemie stimmt, wir beschließen 3 Tage gemeinsam mit einem Leihwagen die Inseln zu erkunden. Eine Bootstour zu Vogelfelsen an die Klippen der westlichen Steilküste wird zwar kein ornithologisches Highlight, denn die Piepmätze interessieren sich nicht sonderlich für uns, aber der Bootsführer ist ein wahrer Artist an den Steuersticks. In dem 2 – 3 m hohen Atlantikschwell kurvt er mit uns in unmittelbarer Nähe der Klippen, fährt das Boot in winzige Felsenbuchten, dreht auf dem Teller mit vorn und hinten nicht mehr als 1,5 m Abstand zu den senkrecht aufragenden Felsen, an denen sich schäumend die Wellen brechen, umkurvt Felsnadeln, schlängelt sich durch die Durchbrüche in den Klippen, die wir links, rechts und oben abklatschen könnten.  Auch Ecki und Frank, beides erfahrene Segler, regattaerfahren und auf dem Wasser zu Hause, blieb die Spucke weg.

Ein Helikopterflug, hier gebräuchlich wie ein Fernbus, verschafft uns, bei glücklicher Weise klarer Sicht, einen Überblick über die faszinierende Inselanordnung. Dass die Nächte kurz sind, muss ich nicht weiter erwähnen. Schließlich müssen die Erlebnisse mit den beiden sympathischen Burschen ausgetauscht und ausgewertet werden. Die hellen Nächte liefern leider keinen natürlichen Hinweis auf notwendige Schlafenszeiten.

Ein weiterer Gast am Steg ist Mike Hendersen, ein Schotte, der nach Beendigung seines Berufslebens bereits mehr als 40.000 sm in sein Kielwasser gesegelt hat, natürlich einhand. Ein ausgewiesener Experte des Nordatlantik und Verfasser eines Cruising Guide für Island, Färöer und Grönland. Kann man bessere Ratgeber finden? Nun warten wir gemeinsam auf den richtigen Wind wieder Richtung Nordwest, nach Island. Gegen evtl. aufkommende Langeweile verdingt sich Mike beim Skipper des alten blauen Schoners als Deckshand und Co-Skipper um Touris um die Insel zu schippern. Rekrutieren sich die Gäste nicht vom Kreuzfahrer und sind 50 Jahre jünger und womöglich weiblich, und der Wind weht nicht gerade mit 6 bft, werden die 3 großen gelben Badesäcke aufgebaut, die Einbaumaschine liefert heißes Wasser und es steigt die poolparty auf färöisch, bei 10 Grad Außentemperatur. Mittendrin übrigens Boris Aljinovic. Kommissar Stark kam mit seiner 45 Jahre alten puristischen Contessa 32 allein aus Island. Diese Begegnung hat auch Nachtkondition gefordert und ein Loch in meine Bierreserven gerissen. Tags darauf werden wir – zur Krönung eines ereignisreichen Tages – von Birger, dem Skipper des Schoners, zu einer kleinen Ausfahrt eingeladen. Er hat einen neuen Kompass ergattert, made in Germany, Baujahr 1940. Der muss kalibriert werden und wir drehen ein paar Achten im ausnahmsweise verregneten Fjord vor Torshavn. Die Pinne ist aus einem etwa 2 m langen Baumstamm gehauen. Ihre Bedienung ist wahre Männersache, und jedes Anlegemanöver ringt uns volle Bewunderung ab.

In unserem Salon klemmt ein Kärtchen mit folgender „chinesischer Weisheit“: „im Leben zählen nicht die kleinen Momente, in denen man atmet, sondern die großen, die einem den Atem rauben.“ Genau dies trifft auf die Färöer zu. Sie sind atemberaubend, selbst der Wind von vorn vermag dies.

 

Galerie: Torshavn

 

Galerie: Kirkjuböur

 

Galerie: Insel Nolsoy

 

Galerie: Insel Vagar

 

Galerie: Klippenfahrt und Saksun und Tjornuvik

 

Galerie: Abendtörn mit „Nordlysid“

 

Galerie: Heliflug und Nordinseln

 

Galerie: Südinsel

 

 

 

4 Kommentare

  1. Auch wenn der Start auf den Faröern sicherlich durch die Waljagd etwas schwierig war, scheint ihr schnell Gefallen gefunden zu haben an diesem atemberaubenden Plätzchen der Erde. Die Bilder des Walfangs lassen einen nachdenklich und bedrückt werden. Und da war man gar nicht selbst dabei. Die Wirkung auf euch muss unglaublich gewesen sein. Auch wenn ich selbst mir ebenfalls kein Urteil erlauben möchte.
    Die Bilder sonst sind fabelhaft und schön und ich beneide euch sehr, solche Teile der Welt auf diese Art und Weise zu erkunden. Ihr scheint immer wieder tolle, neue Gesellschaft zu haben und ich gebe Leander recht, ihr seht so glücklich und erholt aus. Ich hoffe wir hören uns bald wieder.
    Seid gedrückt.
    Eure Livia

  2. Das Obrige stimmt ausnahmslos. Ihr seht verdammt erholt aus. Auch die “ kurzen “ Nächte in Gesellschaft gleichleidender Mitmenschen sind Euch nicht anzusehen. Ich hoffe, Ihr seit bis jetzt ohne Störfälle bis auf die 18 Inseln gekommen und wünsche Euch , dass die Tour so weiterläuft. Jedenfalls steht Ihr unter “ Beobachtung.
    Viele Grüße
    Olaf , Karin und die ganze Belegschaft

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