Lschbn

Wir lernen, am besten nähert man sich der portugiesischen Aussprache an, in dem die Vokale möglichst verschluckt und ein Großteil der Konsonanten durch „dsch“ oder „sch“ ersetzt werden. Auch im Silben aus- oder weglassen dürften die Portugiesen zur Weltspitze gehören. Als Sachsen sind wir zwar geübt darin, Worte zu verweichlichen, gelegentlich auch Vokale zu übergehen, aber hier kommen wir selbst mit weit vorgeschobenem Undergiefer nicht weiter. Unsere Sprachschule erhalten wir bei den Stationsansagen des Vorortzuges zwischen Cascais (sprich: Kaschkaisch, Kschksch reicht aber auch) und Lissabon (sprich: Lischbon, möglichst ohne i und o). Unsere Lieblingsansage ist die von „Monte Estoril“: Mnt Schtrl! Die Konsonanten alle butterweich aneinander gezogen. Den zweiten Platz belegt Blm, also Belem, wo der berühmte Torre de Belem, das Wahrzeichen Lschbns im breiten Tejo-Fluss steht. Anfänger kommen vermutlich nicht umhin, vor das M noch ein sehr kurzes Ä zu hauchen. Da wir für den überschaubaren Fahrpreis täglich auch noch 2 x ein kostenloses „Portugiesisch leicht gemacht“ von Muttersprachlerinnen bekommen, haben wir beschlossen, in der hübschen Marina im noblen Vorort Kschksch zu bleiben und zu pendeln, zumal es hier sehr ruhig und fern von großstädtischem Gedränge ist, man hier herrlich an der Küste radeln kann und der Weg an die raue Westküste sowie ins herrschaftliche Sintra (langweiliger Weise gesprochen wie man es schreibt) noch kürzer ist. Hinzu kommt, dass wir uns noch ein paar Tage der netten Nachbarschaft der Piccolinesen erfreuen, denn die Beiden werden das nächste günstige Wetterfester beim Schopf und ihre Sachen packen, um das Festland zu verlassen und nach Porto Santo (ein Inselchen zu Madeira gehörig) zu segeln. Trotz ausgiebiger Nachbarschaftspflege satteln wir mit Vergnügen unsere kleinen Räder und streifen durch Cascais und die Küstenradwege entlang. Auch hier lässt es sich vortrefflich einer unserer Lieblingsbeschäftigungen, dem „Stieren aufs weite Meer und Starren auf die gewaltige Brandung“ nachgehen. 30 Stunden Windstärke 6 aus Ost bringt die See richtig in Wallung und die brechenden Wellen versetzen nicht nur die Bordfotografin in stundenlange Verzückung, auch ich kann mich nicht satt sehen an den wilden Wellenbildern und den Gischtwolken, die der Gegenwind von den meterhohen Wellenkämmen fetzt und unter dem Himmelsblau eindrucksvoll verwirbelt. Zum wiederholten Male umfängt uns ein tiefes Gefühl andächtiger Ehrfurcht und Demut vor diesen Urgewalten des gigantischen Atlantikwassers. Ich bin nicht religiös, aber mich beschleicht eine Form von Gläubigkeit gegenüber den Naturgewalten Wind und Wasser, die sich zurückhalten und liebreizende, zum darin Verweilen einladende Harmlosigkeit vorspielen können, um Augenblicke später grollend anzudeuten, dass sie mit vernichtender Kraft und Unaufhaltsamkeit alles von uns Menschlein Geschaffene zermahlen und zerstäuben können.

 

Lschbn

 

Als wir ein paar Tage später, an Ankes Geburtstag, auf der Fahrt nach Sintra am Cabo da Roca, dem (angeblich) westlichsten Punkt Kontinentaleuropas wieder einen „brandungstouristischen“ Stopp einlegen, unterhalb des Leuchtturms auf den bizarren Klippen hocken und wieder hingegeben Richtung Amerika auf Wellen und Wolken starren (Ankes Geschenk), ist es sofort wieder da, dieses unausweichliche Bewusstsein unserer unbedeutenden Winzigkeit. (Das kenne ich sonst so nicht …)

 

Wenn in Cascais die „schönen Reichen“ ihre Villen und Residenzen haben, dann hatten und haben im kleinen Sintragebirge die Könige und Ganzreichen ihre Schlösser und Paläste, von denen einige recht sehenswert sind. Der Palacio da Pena, eine Art Wolperdinger-Schwanstein in kunterbunt auf dem höchsten Punkt der Berge, bis 1910 vom letzten König Portugals bewohnt und nunmehr als Museum zu besichtigen, ist (meiner Meinung nach) einer der lebendigsten Beweise, dass die Paarung von zu viel Geld mit schlechtem Geschmack eine äußerst unglückliche sein kann, und nur mit Humor zu ertragen ist. Amüsant wars schon, und der riesige Park unterhalb und um diese Kleckerburg herum war durchaus einen Besuch und Rundgang wert, wie auch das Städtchen, dessen alter Glanz von Reichtum und Eleganz trotz sichtbar fortschreitendem Verfall aus den schmalen hügeligen Sträßchen und über die bröseligen Einfriedungen der einst so prächtigen parkartigen Grundstücke atmet.

 

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Wolperdinger Schwanenstein im Sintra-Gebirge

 

Auf dem Weihnachtsmarkt an einer Chorizo-Imbissbude freuen wir uns, „mikeonbike“ (www.mikeonbike.de) wiederzutreffen. Der Michael braucht viiiele Kalorien, denn er ist mit dem Radl unterwegs, 6 Jahre lang, allein, durch alle Kontinente, und hatte vor ein paar Tagen in der Marina, unter anderem auch bei uns, für eine Passage nach Südamerika anheuern wollen. Das stellte sich als aussichtsloses Unterfangen heraus und so hatte er unterdessen einen Flug nach Havanna gebucht. Verrückter Hund. Wir drücken ihm alle Daumen und große Zehen!

Ja, verrückte Hunde trifft man öfter, natürlich auch viele verrückte „Wasserhunde“.

Peter Smith (70) aus Neuseeland (übrigens der Erfinder des Rocna-Ankers) ist einer von ihnen: seit über 40 Jahren segelnd unterwegs, mit 5 Jahren Unterbrechung, in denen er sich in England vor 20 Jahren eigenhändig sein ultimatives Schiff gebaut hat. Klar ist uns die Alu-Slup sofort bei unserer Ankunft in Cascais aufgefallen. Blechbootfahrer kommen unweigerlich schnell ins Gespräch. Neugier wird gewissermaßen erwartet, und man besucht und gegenbesucht sich natürlich gern. Für alle Interessierten, es lohnt sich: http://www.petersmith.net.nz/about/kiwiroa.php

(Übrigens gibt es hier echte, 4-beinige Wasserhunde, mit zotteligem schwarzen Fell, bei denen man nie weiß, wo vorn und hinten ist. Sie haben Schwimmhäute zwischen den Krallen, weshalb sie hervorragend schwimmen und auch tauchen können. Seit hunderten Jahren begleiten sie als treue Helfer die portugiesischen Fischer in ihren winzigen Booten auf See.)

Und dann beginnt der Abschiedsreigen: Peter und seine KiwiRoa gehen über den Winter in eine kleine Werft in Lissabon an Land und unsere Piccolinesen ergreifen ihr Porto-Santo-Wetterfenster. Es gibt feuchte Augenwinkel und fällt – trotz des Glaubens an Konfuzius: Man sieht sich immer 2 Mal im Leben – wirklich schwer zu akzeptieren, dass eine Wiedersehen eher unwahrscheinlich ist. Aber an solche Momente muss man sich auf Reisen dieser Art gewöhnen. Deshalb an dieser Stelle: besonderer Dank für die vielen kurzweiligen und vergnügten Stunden an die Piccolona-Crew und: immer und überall die richtigen Winde und die nötige Handbreit. Passt auf Euch auf! (Für Neugierige: www.sy-piccolina.de)

 

Die Nordwinde bringen frische Temperaturen. So, wie wir anfangs immer vor dem Sommer hergefahren sind und überwiegend um 10 °C hatten, fahren wir jetzt vor dem iberischen Winter her, haben wieder unsere 10 °C. Wiedermal sind wir spät dran. Im Hafen ist es bereits merklich leerer geworden. Außer uns werden fast alle übrigen hier überwintern und/oder nach Hause fahren.

Die letzten Tage verbringen wir in Lissabon, streifen durch die verwinkelten Altstadtviertel, bummeln durch Ober- und Unterstadt, verkosten diverse Kaffees, Ports und Vinho Verde, saugen die entspannte Nachsaisonatmosphäre auf, wärmen uns in den letzten Strahlen des Sonnenuntergangs oben auf den Mauern des Castelo de Sao Jorge mit Blick auf die umliegenden Hügel und den Tejo, lassen uns vom überbordenden manuelischen Stilmix des Hieronymus-Klosters bezaubern, senken dort ehrfürchtig die Häupter am Sarkophag Vasco da Gamas, und warten mit hunderten Touristen und Einheimischen auf dem großen Platz vor dem Arco de Rua Augusta auf das Anknipsen der Lichter am größten „Weihnachtskegel“ der Landes. Der Besuch des Aquariums ist obligatorisch, ebenso Fahrten mit dem berühmten Elevador do Carmo (nicht von Eiffel selbst, war nur eine gelungene „Schülerarbeit“) und der alten Bimmel der Linie 28 (nein, nicht nach Markkleeberg). Der Mix verschiedener Hautfarben und ethnischer Einflüsse ist hier viel auffälliger als im nördlichen Porto und die späten Spuren der goldenen Kolonialzeiten grüßen aus vielen Augenwinkeln aller Schattierungen. Den offensichtlichen Verfall der oft wunderschönen Altbausubstanz (die gar nicht so alt ist, denn 1755 wurde auch Lissabon beim großen Erdbeben in Portugal fast vollständig zerstört), mit marodem Charme zu beschönigen wäre sicher unangebracht. Auch hier baut man lieber neu und lässt die alten Buden zusammenfallen. Man könnte den unerklärlichen Fado diesem Thema widmen. Aber vielleicht ist dieser schwermütige Gesang gewissermaßen als eine Art „Blues der verpassten Gelegenheiten“ schon übermäßig besetzt. Jedenfalls haben wir uns den Live-Fado gespart, unser „Gemütsfell“ hat dafür keinen Raum mehr.

 

Lschbn

Torre de Belem

 

Nicht unterschlagen möchte ich den Erwerb eines neuen WLAN-Verstärkers und dessen gelungene Inbetriebnahme, weshalb wir nun auch an den entlegeneren Gästestegen der Marinas in den Genuss stabilen Zugangs zu den Weiten des Internetzes kommen. Der Skipperine wurde für die erfolgreiche IT-Arbeit umgehend der „silberne Bordfelix“ verliehen.

 

Ganz überraschend ereilt uns der 1. Advent. Wir dürfen Päckchen auspacken, die schon in Greifswald mit an Bord gingen: ein bordgemäßer 12V-Herrnhuter in Gelb, Miniaturweihnachtskalender und Teelichtschirmchen aus dem Erzgebirge. Danke an Peter und Helga, unsere wackeren Steuerleute, für diese rührende Weitsicht.

 

Lschbn

 

Nach 2 Wochen in Kschksch, Lschbn und Umgbng brechen wir auf. Die sicherlich wärmere Algarve im Süden ruft uns. Vor uns liegen 130 sm, also gut 24 h, und Wind aus Ost wird uns die Segel füllen und flott hinunterbringen. Montagmittag brechen wir auf. Alles Tuch raus. Endlich wieder Segeln. Und wie schön. Eine Segelnacht mit Vollmond, der sich tieforange aus dem Glitzerwasser schält, und bis zum Morgen einen leuchtenden Bogen über unseren Bug zieht, direkt über dem Orion stehend, der sich noch gut gegen die Helligkeit der Mondscheibe behaupten kann. Auch hier sind die Tage kürzer als die Nächte. Zum Sonnenaufgang nähern wir uns dem Cabo do Vicente, dem Südzipfel der langen Westküste, wo die Küste rechtwinklig nach Osten abknickt und der Golf von Cadiz in den Atlantik mündet und wir unseren Kurs auch gen Osten, also gegen den Wind ändern müssen. Mit 6 -7 bft drückt der Ostwind seine Wellen gegen den immerzu aus West anlaufenden Atlantikschwell. Das wird ungemütlich und erinnert stark an unsere Shannonausfahrt, nur liegen hier noch 25 sm vor uns. Den kurzen Gedanken in einer geschützten Bucht vor Anker zu warten verwerfen wir, da sich das Wetter in den kommenden 3 Tagen nicht wesentlich ändern soll. Also Lippen zusammenkneifen, Südwester geraderücken und durch. Vermutlich würde es mit zunehmender Entfernung vom Kap auch ruhiger werden. Skipperine und frischgebackene Trägerin des silbernen Bordfelix geht’s nicht gut. Da wir am Kap wenden mussten wird es nötig, beide Bordseiten zu spülen. (Mein taktloses „nicht auf die Leinen“ konnte ich mir diesmal rechtzeitig verkneifen.) Nach 5 h ist der Spuk vorbei, unsere „Kap-Sammlung“ um ein Kleinod reicher, und wir liegen im sommerlichen Lagos kurz behost auf dem Vorschiff. Bei Anke drängeln sich allmählich farbige Pigmente in den eben noch fahlen Teint, und sie spricht und lächelt wieder.

 

Galerie Cascais:

 

Galerie Cabo da Roca und Sintra:

 

Galerie Lissabon:

 

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